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Rezension: Sachbuch : Blutgrätsche unter Genossen

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Ein Enthüllungsbuch will Fischer bei Rechten und Linken zugleich demontieren / Das politische Erbe der Frankfurter Spontis

          Christian Schmidt: "Wir sind die Wahnsinnigen . . .". Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang. Econ-Verlag, München 1998. 319 Seiten, Abbildungen, 39,80 Mark.

          Die Frankfurter Spontis waren eine besondere Spezies. Bei Versammlungen fielen sie mit Spottgesängen auf: "Wer tut uns weh? Der KBW! Wer macht uns froh? Das Sozialistische Büro! Wer macht Dampf? Revolutionärer Kampf!" Bei gewaltsamen Demonstrationen kämpften sie meist in den ersten Reihen, und am Wochenende übten sie beim Fußball die Blutgrätsche unter Genossen. Ihr Vorbild war die linksextremistische italienische "Lotta Continua". Daß die Frankfurter Spontis knapp dreißig Jahre später immer noch interessieren, liegt an dem Aufstieg, den Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Tom Koenigs und andere ehemalige Mitstreiter bei und mit den Grünen gemacht haben.

          Als Zerfallsprodukt der Studentenbewegung wollten auch die Spontis den revolutionären Umsturz. Innerhalb der sogenannten "antirevisionistischen" Linken - so nannten sich die Gruppen jenseits von DKP und Jusos - nahmen sie zahlenmäßig allerdings eine untergeordnete Rolle ein. Ihre Ideologie war ein Sammelsurium: individualistische und hedonistische Aspekte, verpackt in anarchistischer Maskerade. Ein Sponti-Milieu existierte nur in West-Berlin und vor allem in Frankfurt, wo die maoistisch angehauchten Spontis an linksradikalen Stammtischen sogar dominierten.

          Heute sind die aus dem linksradikalen Denken abgeleiteten Handlungen, Rechtsbrüche eingeschlossen, als Jugendsünden abgehakt oder schlicht verdrängt. Christian Schmidt beschäftigt sich mit diesem Thema im Stil einer "Entlarvungsgeschichte". Und der Autor, der von 1989 bis 1995 für die Satirezeitschrift "Titanic" schrieb, arbeitet dabei mit Methoden, die er im linken Milieu gelernt hat. So gesehen, ist sein Buch ebenfalls eine Nachwirkung der Achtundsechziger-Revolte: Es fällt nicht wirklich aus ihrem geistigen Rahmen.

          Ausführlich beschreibt der Autor die linke Frankfurter Szene Anfang der siebziger Jahre. Kristallisationspunkt der Spontis war der "Revolutionäre Kampf". Um die Arbeiterklasse zu missionieren, gingen ausgewählte RK-Kader etwa zu Opel nach Rüsselsheim. Auch Joschka Fischer lernte dort am Fließband die von Sartre beschworene entfremdete serielle Massenexistenz kennen, bis er als Störenfried entlassen wurde. Davon abgesehen hatten die Arbeiter keine Revolution gewollt. Als Konsequenz löste sich der RK auf. Man wandte sich nun der Besetzung leerstehender Häuser zu und initiierte den "Frankfurter Häuserkampf".

          Demonstrationen gegen die Räumung besetzter Häuser wurden immer gewalttätiger; und eine spezielle mobile Einsatzgruppe der Frankfurter Spontis, die "Putztruppe", erlangte ob ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer strategischen Vorbereitung und nicht zuletzt ihres läuferischen Geschicks bundesweit Berühmtheit im linksradikalen Milieu. Laut Schmidt probte die "Spezialeinheit" am Wochenende im Taunus den Straßenkampf, indem sie zum Beispiel "einen Keil bilden oder Gefangenenbefreiung in Dreiergruppen übte", wobei auch "echte Verletzte oder Ohnmächtige" zu verzeichnen gewesen seien.

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