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Rezension: Sachbuch : Bis sich die Balken biegen

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Ein gescheiterter Versuch, die Schuld der Nationalsozialisten am Reichstagsbrand nachzuweisen

          Alexander Bahar / Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Edition q, Berlin 2000. 400 Seiten, 58,- Mark.

          Eine Kontroverse im wissenschaftlichen Sinne hat es im Falle des Reichstagsbrandes nie gegeben - nur erbitterte Auseinandersetzungen um den oder die Brandstifter. Die sofort nach dem Brand aufkommende Vermutung, die Nationalsozialisten seien die Urheber, wurde nach 1945 zur Selbstverständlichkeit, denn die späteren NS-Verbrechen ließen den Brand nur als deren spektakulären Auftakt erscheinen, zumal die virtuose politische Ausnutzung des Brandes in Form der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" eine wesentliche Grundlage für die Errichtung der NS-Diktatur darstellte.

          Mit der Einigkeit war es jedoch schlagartig vorbei, als Fritz Tobias 1959 zuerst im "Spiegel", dann 1962 in Buchform durch die Auswertung neuer Quellenbestände den Nachweis führte, daß der Holländer van der Lubbe den Reichstag allein angesteckt hatte. Damit war die "Alleintäterthese" geboren. Tobias stützte sich bei seinem Vorgehen vor allem auf die polizeilichen Vernehmungen und Ermittlungen in den Tagen unmittelbar nach der Tat, die die Beamten zu dem Ergebnis führten, daß der Holländer die Tat allein begangen habe.

          Die Publikation dieser Forschungen traf auf verbreiteten Widerspruch - zum einen von akademischen Größen, die sich von einem Außenseiter in Frage gestellt sahen, zum andern von Leuten, die die Tat dem Holländer nicht zutrauten oder darin einen Versuch zur Verharmlosung der NS-Verbrechen sahen. Wirksame Unterstützung fand Tobias 1964 durch den Historiker Hans Mommsen.

          Mit dem "Luxemburger Komitee", dessen Aktivitäten untrennbar mit dem Berner Historiker Walther Hofer und dem zwielichtigen Eduard Calic verbunden sind, änderten sich Ton und Stil der Auseinandersetzung. Stand an deren Anfang 1969 die Ankündigung, aus den Quellen ließe sich die NS-Täterschaft eindeutig nachweisen, so steigerte sich vorerst nur die Intensität der Verunglimpfungen, bis dann 1978 eine "Dokumentation" erschien, die (wie eine Publikation aus dem Jahre 1986 nachwies) nur aus eindeutigen Fälschungen bestand.

          1988 zog der Historiker Ulrich von Hehl ein Fazit. Deutlich um Äquidistanz zu den streitenden Parteien bemüht, kam er zu dem Ergebnis, daß die Alleintäterschaft "(sehr) wahrscheinlich" sei, während er die Brandstiftung durch die Nazis "als vage (Denk-)Möglichkeit" bezeichnete. Dieses Urteil, so konnte man meinen, zog einen Schlußstrich.

          Das galt jedoch nicht für den Hofer-Anhang. 1992 erschien eine sehr aufwendige Neuauflage der "Dokumentation", die von dem Politologen Alexander Bahar besorgt und als Ausdruck der "Resistenz gegenüber faschistischen Tendenzen" gerechtfertigt wurde. Auf der Impressumseite fand sich ein seltsamer Hinweis: Wenn eine Buch-Bestellung nicht bedient würde, sei der Grund klar: "Nichtantwort bedeutet Postzensur". Um die Kontinuität zu den Praktiken Calics zu unterstreichen, druckte Bahar im Anhang noch eine Fälschung ab.

          So viel zur Vorgeschichte. Sie ist insofern wichtig, um nicht dem Irrtum zu erliegen, als handele es sich hier bei den Autoren von "Der Reichstagsbrand" um junge Leute, die zwar fleißig geforscht, aber das Material nicht beherrscht haben, Unmengen von Details aneinandergereiht und sich in den vielen Widersprüchen schließlich selbst nicht mehr ausgekannt haben. Davon kann keine Rede sein.

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