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Rezension: Sachbuch : Ärzte im Dritten Reich

  • Aktualisiert am

Ein schlecht recherchiertes Buch befaßt sich mit Menschenversuchen

          Peter-Ferdinand Koch: Menschenversuche. Die tödlichen Experimente deutscher Ärzte. Piper Verlag, München und Zürich 1996. 335 Seiten, Abbildungen, 48,- Mark.

          Das vorliegende Buch befaßt sich mit deutschen Ärzten, die in der Zeit des Dritten Reiches oft tödlich endende Menschenversuche machten, leuchtet daneben aber auch den geistesgeschichtlichen Hintergrund aus, der diese Versuche zuließ. Ferner versucht der Verfasser, eine Kontinuität zwischen Personen und Handlungen aus der Zeit des Dritten Reiches mit der Gegenwart herzustellen.

          Schon im Vorwort meint Koch Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und der heutigen Zeit herzustellen, wenn er darauf hinweist, daß die Frau des Bundeskanzlers den Ehrendoktortitel der Medizinischen Fakultät der Universität Greifswald erhielt, welcher ein Institut für Vererbungswissenschaft angeschlossen war, das einen Mittelpunkt der NS-Menschenversuche darstellte. Arthur Gütt, der Hauptautor des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mit Erläuterungen" war, studierte Medizin in Greifswald. Der Autor fragt am Ende seines Nachwortes: "Interessiert das wirklich niemanden mehr?"

          Das erste Kapitel, betitelt "Es begann mit Tierversuchen", beschreibt einige grausame Tierversuche zur Zeit der Jahrhundertwende und meint mit Beispielen des Bioethikers Peter Singer zu belegen, daß die Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar seien. Die mangelnde Übereinstimmung zwischen Tier und Mensch gehörte indes zu den Begründungen, warum Menschenversuche während des Dritten Reiches in Deutschland durchgeführt wurden. Besonders deutsche Psychiater und Neurologen seien für die Ideen der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" empfänglich gewesen, und so wird über die Selektion Geisteskranker für die Euthanasie, die von einigen prominenten Ärzten während dieser Zeit vorgenommen wurde, berichtet. Als Beispiel für fehlende kritische Aufarbeitung der Biographien dieser Wissenschaftler führt Koch die Lebensbeschreibungen von Otfried Foerster ein, der Kochs Meinung nach eher selbst ein Fall für die Psychiatrie zu sein scheint.

          Neben der Vernichtung psychisch Kranker wird auch auf die verschiedensten menschenverachtenden Versuche eingegangen, die in KZs durchgeführt wurden, wie zum Beispiel die Höhen- und Unterkühlungsversuche Sigmund Raschers, die Lost-Experimente August Hirts oder die Sterilisationsexperimente von Carl Clauberg. Neben diesen bekannteren Verbrechen werden viele weitere bekannte und weniger bekannte Beispiele von solchen Versuchen und ihre Unterstützung durch maßgebliche Stellen innerhalb der Partei und durch Teile der deutschen Industrie als Auftraggeber dargestellt.

          Die Kontinuität mit der heutigen Forschung soll in den letzten beiden Kapiteln durch Beispiele belegt werden. So schildert der Autor eine Reihe von Experimenten in den Vereinigten Staaten, die vom gleichen Gedankengut wie in der NS-Zeit inspiriert waren: Verseuchung der New Yorker Untergrundbahn mit "harmlosen" Bakterien im Jahre 1966, Versuche mit dem Halluzinogen LSD an nicht aufgeklärten Versuchspersonen sowie Versuche mit dem "Wahn-Gas" (IDPN II), an dessen Entwicklung ein NS-belasteter Deutscher beteiligt gewesen sein soll. Koch impliziert ferner, daß die These, daß das HIV durch menschliche Manipulation aus dem Virus der ansteckenden Blutarmut der Pferde hervorgegangen ist, wahr sei, und warnt konsequenterweise vor den Folgen der Genmanipulation an Pflanzen, Tieren und am Menschen.

          Die Themen sind interessant. Leider erhält man aber den Eindruck, daß oberflächlich und reißerisch argumentiert wird. Und es bleibt das ungute Gefühl zurück, daß nicht ganz sauber recherchiert worden ist. "Wenn er nur rechtzeitig an das Krankenbett Reinhard Heydrichs gerufen worden wäre, dann hätte er versucht, sein Leben zu erhalten", wird über Sauerbruch berichtet, und als Beleg wird eine Stelle aus Mitscherlichs Buch "Medizin ohne Menschlichkeit" zitiert. Schlägt man aber unter dem Zitat nach, so steht in Mitscherlichs Buch nur, daß einem der behandelnden deutschen Ärzte fast in Befehlsform nahegelegt wurde, zusätzlich Sauerbruch oder den Leibarzt Hitlers, Dr. Morell, zu Hilfe zu rufen. Dies lehnte er aber ab, da die behandelnden Prager Ärzte alles schulmedizinisch Notwendige unternommen hätten. Ebenso unsauber ist die Argumentation mit der Herkunft des HIV aus den Viren der ansteckenden Blutarmut der Pferde. Gerade letztes Jahr konnte nachgewiesen werden, daß Menschen aufgrund einer Mutation in ihrem Zellstoffwechsel bestimmte Zuckerstrukturen, die sonst bei Tieren vorkommen, nicht bilden können. Deshalb haben Menschen gegen diese Strukturen Antikörper gebildet, die uns gegen tierische Immundefizienzviren immun machen. Aufgrund dieser oberflächlichen und unsauber recherchierten Thesen kann das Buch dem seriösen Leser nicht empfohlen werden. UDO SCHUMACHER

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