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Veröffentlicht: 18.04.2009, 12:00 Uhr

Präsidentielles Zaudern

Suchbewegungen nach dem Phänomen Angela Merkel und dem Kipp-Punkt des Regierens

Strategische Momente verschaffen einer Kanzlerschaft den immerwährenden Eintrag ins Geschichtsbuch. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gehört zweifellos seit 2008 zu solchen markanten Schlüsselereignissen, die aus der Enge des situativen Regierens ein Reservat der Schlauheit machen können. Die Krise hat politische Gewissheiten in einer ähnlichen Geschwindigkeit vernichtet wie die Finanzakrobaten das Kapital. Weniger Schulden, ausgeglichene Haushalte, Reduzierung der Staatsquote - das klingt mittlerweile wie frühe Vorgeschichte. Damit frisst die Krise auch ein Stück weit demokratische Normalität. Die große Koalition hat wenige Monate vor ihrem selbst beabsichtigten Ende erstmals auch ein großes Mandat zum Handeln erhalten. Bei Angela Merkel schien sich bislang das Besondere ihrer Kanzlerschaft auf das Ausnahmeformat der Koalition zu beziehen und immer wieder auf die Anerkennung, als erste Deutsche zur Kanzlerin gewählt zu sein. Doch erst in dem Moment, in dem die Ökonomie ihre Leitfunktion für die Politik verloren hat, im Schatten des aktuellen Zeitenbruchs, hat sie den strategischen Moment, der ihre Kanzlerschaft unvergessen machen kann - ein Kipp-Punkt des Regierens, der allerdings in den Machtverlust oder souverän in die zweite Kanzlerschaft führen kann.

Zwei sehr unterschiedliche Merkel-Analysen können dabei als Richtungsanzeiger vielleicht weiterhelfen. Dirk Kurbjuweit, Leiter des Hauptstadtbüros des "Spiegels", startet seine Suchbewegungen nach dem Phänomen Merkel im Flugzeug. Seine teilnehmende Beobachtung der Kanzlerjahre ist ein extrem subjektiver Blick. Begeistert schreibt er über Augenblicke, in denen Frau Merkel am Ende von sehr anstrengenden Stresstagen im Hotel oder eben im Flugzeug spontan mit einem leidenschaftlichen Plädoyer die Journalisten für sich einnimmt. Inhaltlich erfährt der Leser über diese Merkel-Sternstunden nichts im Buch. Hintergrundgespräche bleiben auch für Kurbjuweits Leser nicht-öffentlich.

Doch Kurbjuweits Betrachtung der Kanzlerin lebt nicht von diesen wenigen Augenblicken der Begeisterung. Eher mitleidig entwirft er ein Kanzler-Porträt über die "totale Kanzlerin" in einer Politikmaschine. Selbstkritisch verweist er auf den Berliner Journalistenbetrieb, der zum Taktgeber der Politik geworden ist. Politik unter Echtzeitbedingungen erfordert einen Politikertyp, der immer professionell wie eine Maschine läuft - ohne Privatheit, ohne Leidenschaft, ohne erkennbare Personalität, aber mit effizienter Prinzipienlosigkeit. Das Merkel-Bild im Buch gleicht einer Erfolgstaktikerin als politischem Neutrum. Sympathie kommt dabei nicht auf. Erstmals wird in dieser Analyse auch empirisch belegt, wie sehr Merkel eine Medienkanzlerin geworden ist. Ihre Kontrollsucht inszeniert jede Geste, jedes Bild. Sichtbar wird, wie die Unauffälligkeit kalkuliert ist, wie sie die bescheidene Natürlichkeit durchstylt, wie die Kanzlerin ihre Verzichtsästhetik medial arrangiert. "Merkel ist die Königin der Hintergründe, bleibt aber für die breite Öffentlichkeit blass", so Kurbjuweit. Da sehnt sich jeder Leser nach den leidenschaftlichen Hintergrundgesprächen, die offenbar eine andere Merkel, die wahre Merkel, zeigen.

Doch blass ist Angela Merkel in den Augen der Bürger keinesfalls. Ihre Scheu vor öffentlicher Führung und ihr gelebtes Understatement sind ein deutlich wahrgenommenes Profil der Kanzlerin. Sie gilt - wie die Umfragen belegen - als permanent selbst anpackende Chefin, die sich in der Männerwelt behauptet hat, der man großen Respekt entgegenbringt und gleichzeitig enorme Sachkunde zur Problemlösung unterstellt. Altbürgerlich lässt sie praktisch keinen Blick in ihr Privatleben zu, was ebenso auf hohe Zustimmung stößt.

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