http://www.faz.net/-gqz-145px

: Orgie hemmungsloser Gewalt

  • Aktualisiert am

In der sowjetischen Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg gab es keine Deserteure und keine Kollaborateure. Es gab nur Helden, die sich für das Vaterland aufopferten und sich den deutschen Besatzern todesmutig entgegenwarfen. In den Nachkriegsjahren musste der Sieg über die Aggressoren noch ...

          In der sowjetischen Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg gab es keine Deserteure und keine Kollaborateure. Es gab nur Helden, die sich für das Vaterland aufopferten und sich den deutschen Besatzern todesmutig entgegenwarfen. In den Nachkriegsjahren musste der Sieg über die Aggressoren noch als Tat des Diktators bejubelt werden, weil Leistungen und Erfolge solchen Ausmaßes nur Stalin allein vollbringen durfte. Erst in den sechziger Jahren begann die Verwandlung des "Großen Vaterländischen Krieges" in einen Krieg des ganzen Volkes, weil die Kommunistische Partei nach neuen Legitimationsquellen für ihre Herrschaft suchte. Nunmehr konnten sich die Überlebenden auf eine Weise an den Krieg erinnern, der sie mit Stolz erfüllte und selbst die Opfer vergessen ließ, was in den Jahren des stalinistischen Terrors geschehen war. Im Zentrum des inszenierten Volkskrieges stand der Partisanenmythos. Für seine Inszenierung mussten die Historiker allerdings einen hohen Preis entrichten: Sie durften die Geschichte der Partisanen nur noch als eine Heldengeschichte erzählen. Niemand konnte gegen die nationale Interpretation des Großen Vaterländischen Krieges recht behalten. Und weil im Westen Europas, vor allem in Deutschland, der Krieg an der Ostfront nichts weiter als eine Geschichte der Deutschen gewesen war, konnte der Partisanenmythos auch hierzulande bleiben, was er war.

          Damit ist es nun vorbei. Denn der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musial hat die Geschichte der sowjetischen Partisanen nicht nur umgeschrieben. Er entzaubert den Mythos vom heldenhaften Volkskrieg, indem er die Partisanen selbst zu Wort kommen lässt. Denn fast alles, worauf sich Musial zur Rechtfertigung seiner Interpretation berufen kann, stammt aus jenen russischen und weißrussischen Archiven, von denen die politischen Eliten in der ehemaligen Sowjetunion behaupten, dass in ihnen die Geschichte des heldenhaften und aufopferungsvollen Volkswiderstandes dokumentiert wird.

          Als die Wehrmacht im Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritt, betrat sie ein vom Terror verwüstetes Land. Hunderttausende waren während der Kollektivierung, der Hungersnot und der Gewaltexzesse der späten dreißiger Jahre allein in Weißrussland und in der Ukraine um Leben und Freiheit gebracht worden. Deshalb wurden die Eroberer an vielen Orten als Befreier von der Diktatur der Bolschewiki begrüßt. Anfangs versuchten die Besatzer, die Unterstützung der weißrussischen Bevölkerung zu gewinnen. Denn ohne die Hilfe von Einheimischen wäre eine Beherrschung der eroberten Gebiete unmöglich gewesen. Schon in den ersten Monaten nach dem Einmarsch der Wehrmacht kam es in Weißrussland zu einem Elitenwechsel: Kommunisten flohen oder wurden getötet; ihre Posten wurden an Bauern vergeben, die Opfer des kommunistischen Terrors gewesen waren.

          In den ersten Monaten nach dem Einmarsch der Wehrmacht kam es zwischen der Wehrmacht, den SS-Einheiten und den weißrussischen Kollaborateuren zu einer reibungslosen Zusammenarbeit, die alle Widerstandsversuche im Keim erstickte. Zwar hatte die Führung in Moskau die Bevölkerung zum Widerstand gegen die Besatzer aufgerufen. Aber dieser Widerstand war unorganisiert und brach gewöhnlich zusammen, wenn er auf den bewaffneten Arm der Besatzer stieß. Denn die meisten Partisanen waren Deserteure, aus den Kesseln entkommene oder aus der Kriegsgefangenschaft geflohene Soldaten, die ziellos in den Wäldern umherirrten und auf der Suche nach Nahrung und Obdach Dörfer überfielen und Bauern ausraubten. Noch 1941 waren sie Partisanen wider Willen, die von den Bauern an die Deutschen verraten wurden.

          Musial datiert den Beginn des Partisanenkrieges auf die erste Hälfte des Jahres 1942, seinen Höhepunkt auf das Jahr 1943. Als nach der Gegenoffensive der Roten Armee die Front im Januar 1942 um mehrere hundert Kilometer nach Westen verschoben wurde, gelang es der militärischen Führung, einen ständigen Kontakt zu den Partisanen im Hinterland des Gegners herzustellen und sie in die Kriegführung zu integrieren. Zur Eskalation des Partisanenkrieges aber kam es erst, als die Besatzer den Entschluss fassten, Widerstand durch Terror zu bekämpfen.

          Weitere Themen

          „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Schauspieler Ludwig Trepte : „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Zweiter Weltkrieg, deutsche Teilung, Wiedervereinigung: Nicht nur in „Deutschland 86“ spielt Ludwig Trepte sich durch die jüngere deutsche Geschichte. Dabei überragt er oft alle anderen – auch in seinen Nebenrollen. Ein Treffen.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.