http://www.faz.net/-gqz-6k2ua

: Nach der Besetzung Polens

  • Aktualisiert am

Anatol Chari, Jahrgang 1923, stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie in Lodz. Sein Vater wurde nach der Besetzung Polens von der Gestapo verschleppt und später ermordet, die Familie enteignet und ins Getto geschickt. Chaim Rumkowski, Vorsitzender des Judenrates im Getto Lodz, hielt jedoch seine schützende Hand über den jungen Anatol.

          Anatol Chari, Jahrgang 1923, stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie in Lodz. Sein Vater wurde nach der Besetzung Polens von der Gestapo verschleppt und später ermordet, die Familie enteignet und ins Getto geschickt. Chaim Rumkowski, Vorsitzender des Judenrates im Getto Lodz, hielt jedoch seine schützende Hand über den jungen Anatol. Dieser konnte ein privates Lyzeum besuchen und erfolgreich absolvieren. Dank nachhaltiger Protektion wurde er Mitglied der jüdischen Polizei, hatte so ein relativ privilegiertes Leben. Er musste nicht hungern - ganz im Gegensatz zu vielen anderen. Auch nach Auflösung des Gettos (1944) war er noch kräftig genug für Zwangsarbeit. Er überlebte die Arbeitslager am Rande von Auschwitz und Groß-Rosen sowie das Todeslager Bergen-Belsen.

          Ungeschminkt und schonungslos schildert Anatol Chari Möglichkeiten und Grenzen des Überlebens. Ein Beispiel: Im Herbst 1941 wurden 20 000 Juden aus Deutschland, der Tschechoslowakei und anderen Gegenden Mitteleuropas in das Getto Lodz deportiert. "Diese Leute waren viel westlicher geprägt als wir. Vor dem Krieg war ihr Lebensstandard viel höher gewesen als in Polen. Sie kamen gut gekleidet, gut ernährt und völlig unvorbereitet auf das Gettoleben hier an. Sie hatten keinerlei Kontakte zur Gettoverwaltung. Sie sprachen kein Polnisch. Sie hatten keine Ahnung, wie man sich zusätzliche Lebensmittel organisiert. Sie wohnten in Baracken mit etwa zwanzig Leuten in einem Raum. Um an Nahrungsmittel zu kommen, mussten sie ihre guten Sachen verkaufen. Viele von ihnen starben im selben Winter . . . Die Roma wurden von den Deutschen noch schlechter behandelt als die Juden. Sie blieben nur drei Wochen in Lodz, wurden dann abtransportiert und schließlich in Chelmno vergast." Nach der Befreiung lebte Anatol Chari vorübergehend in einem Lager für Displaced Persons. In Frankfurt am Main begann er dann ein Studium der Zahnmedizin, das er 1950 abschloss. Es folgten Auswanderung und Militärdienst in den Vereinigten Staaten. Nach seiner Ausbildung zum Facharzt eröffnete er eine Praxis in Kalifornien, wo er noch heute lebt. Im Ruhestand begegnete ihm der junge Historiker Timothy Braatz, der seine Erinnerungen aufzeichnete und mit sachkundigen Anmerkungen ergänzte. Das Buch sei vielen, insbesondere jüngeren Menschen, zur Lektüre empfohlen.

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Anatol Chari/Timothy Braatz: "Undermensch". Mein Überleben durch Glück und Privilegien. Aus dem Englischen von Franka Reinhart. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010. 239 S., 14,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2010, Nr. 152 / Seite 8

          Weitere Themen

          Notfalls mit Polizeigewalt

          Spanischer Kunststreit : Notfalls mit Polizeigewalt

          Vierundvierzig Kunstwerke soll ein katalanisches Diözesanmuseum einem aragonischen Kloster zurückgeben. Für die Separatistien ein Zeichen dafür, wie schutzlos ihre Region den spanischen Ministern ausgeliefert ist.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Koalitionspoker : Zweifel am guten Willen

          Vor dem Gespräch mit der SPD an diesem Mittwoch gibt sich die CDU ungewohnt mild, die CSU hingegen eher scharf. Besonders in Bayern freuen sich nicht alle auf die vierte große Koalition.

          Vergewaltigung als Kriegswaffe : Das Ende der Ignoranz

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Angelina Jolie wollen Frauen vor sexueller Gewalt im Krieg schützen. Ihre Initiative stellt der Nato nachträglich ein Armutszeugnis aus.

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Heuchelei als Geschäftsmodell

          Abbau von Arbeitsplätzen bei Siemens, miserable Arbeitsbedingungen von Paketzustellern: Bei Frank Plasberg werden Konzerne als vaterlandslose Gesellen beschimpft. Es geht aber auch um die Verantwortung der Konsumenten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.