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: Lavieren als Lebensprinzip

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Wer den Friedensnobelpreis erringt, hat entweder durch friedenspolitisch wirksames Regierungshandeln oder durch oppositionelle Kritik an bestehenden und als unfriedlich empfundenen Verhältnissen auf sich aufmerksam gemacht. Auch die bisher vier deutschen Träger des Preises lassen sich in dieser Weise ...

          Wer den Friedensnobelpreis erringt, hat entweder durch friedenspolitisch wirksames Regierungshandeln oder durch oppositionelle Kritik an bestehenden und als unfriedlich empfundenen Verhältnissen auf sich aufmerksam gemacht. Auch die bisher vier deutschen Träger des Preises lassen sich in dieser Weise gruppieren. Gustav Stresemann war Außenminister, als er 1926 zusammen mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand für die Politik der deutsch-französischen Annäherung ausgezeichnet wurde. Willy Brandt erhielt als Bundeskanzler den Preis 1971 für seine Politik der Entspannung nach Osten. Carl von Ossietzky dagegen befand sich in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager, als ihm 1936 nachträglich für 1935 der Preis zuerkannt wurde. Schon in der Weimarer Republik verstand sich Ossietzky als radikaler Systemkritiker, der Politik und Gesellschaft nach seinen Vorstellungen erlösen wollte und graduelle Reformen als faulen Kompromiss ablehnte. Für ihn war Pazifismus eine "absolute Forderung und kein diplomatisches Manöver". Den Friedensnobelpreis für Stresemann zog er in der "Weltbühne" ins Lächerliche.

          Ganz anders reagierte Ludwig Quidde vom gemäßigten Flügel der deutschen Friedensbewegung, der den Preis 1927 erhielt. Für ihn war Stresemann ein "Realpazifist", der im Zuge eines Lernprozesses die Wahrung des Friedens zum nationalen Interesse erhoben hatte. Dass Stresemann den maximalistischen Normen eines radikalen Pazifismus nicht genügte, war für Quidde von geringerer Bedeutung als die im Vertragswerk von Locarno erreichten Fortschritte, so fragil diese Nachkriegsordnung auch sein mochte. Zu Quidde liegt nun eine umfängliche Biographie vor, die Karl Holl nach jahrzehntelangen Recherchen als opus magnum seiner friedenshistorischen Forschungen veröffentlicht. Als renommierter Historiker des deutschen Pazifismus bringt er alle Voraussetzungen mit, um die Vita Quiddes in den Zusammenhang sowohl der organisierten Friedensbewegung als auch der allgemeinen politischen Entwicklung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik einzuordnen.

          Weit ausholend setzt die Darstellung mit Quiddes großbürgerlichen Wurzeln in Bremen ein. Davon geprägt, hat sich Quidde zeitlebens um eine mittlere Linie zwischen seinem Zugehörigkeitsgefühl zum Establishment und seiner kritischen Distanzierung gegenüber für ihn bedenklichen Erscheinungsformen in Politik und Gesellschaft bemüht. Wenn er gegen den Antisemitismus deutlich Stellung bezog oder den preußisch-deutschen Militarismus brandmarkte, tat er dies von einer linksliberalen Grundposition aus. Er wollte - anders als Ossietzky - in der Mitte der Gesellschaft bleiben, wenn er sich mit ihr auseinandersetzte. In konkreten Entscheidungsphasen konnte er - weder völliger Konformist noch entschiedener Wiedergänger - zwischen alle Stühle geraten. Holl spricht vom Lavieren als Lebensprinzip, das Quidde als Funktionär des deutschen und internationalen Pazifismus ebenso an den Tag legte wie im Privatleben zwischen zwei Frauen und mit einer Tochter, der gegenüber er sich nie als leiblicher Vater zu erkennen gab.

          Zunächst deutete nichts auf eine durch Führungs- und Repräsentationsfunktionen hervorgehobene Karriere in Organisationen wie der Deutschen Friedensgesellschaft, dem Deutschen Friedenskartell oder dem Internationalen Friedensbüro hin. Vielmehr fasste Quidde nach dem Studium der Geschichte eine akademische Laufbahn ins Auge, die vielversprechend begann, aber durch die 1894 publizierte Schrift "Caligula" ein jähes Ende fand. Für jedermann erkennbar war diese "Studie über römischen Cäsarenwahnsinn" nichts anderes als eine bissige Auseinandersetzung mit Kaiser Wilhelm II. In der akademischen Zunft verfiel er daraufhin in Acht und Bann, auch wenn er später Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde. Auch politisch lag er mit seinem "Bekenntnis zur Demokratie" und seiner "Verachtung des Militarismus und des Nationalismus" quer zur herrschenden Meinung.

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