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: GÜSt meldet dem OLZ

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PKE - das war in der DDR die Abkürzung für Passkontrolleinheiten, deren Mitarbeiter im Zusammenwirken mit den Grenztruppen und dem Zoll für die Kontrolle des Reiseverkehrs an den Grenzübergangsstellen im geteilten Berlin und an der innerdeutschen Grenze verantwortlich waren. Die "Passkontrolleure" ...

          PKE - das war in der DDR die Abkürzung für Passkontrolleinheiten, deren Mitarbeiter im Zusammenwirken mit den Grenztruppen und dem Zoll für die Kontrolle des Reiseverkehrs an den Grenzübergangsstellen im geteilten Berlin und an der innerdeutschen Grenze verantwortlich waren. Die "Passkontrolleure" waren hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, trugen aber zur Tarnung die Uniform der Grenztruppen. Aus deren Angehörigen hat sie das MfS nicht selten rekrutiert - wie Harald Jäger, einst stellvertretender Leiter einer PKE. Mit ihm hat Gerhard Haase-Hindenberg - Jahrgang 1953, Autor, Schauspieler und Regisseur - monatelang Gespräche geführt, seinen Werdegang in der DDR ausgeleuchtet und zu einem spannend zu lesenden Lebensbild verdichtet. Entstanden ist ein populäres Sachbuch, in dessen Mittelpunkt die Biographie eines Mannes steht, der ein Vierteljahrhundert lang Dienst an der Berliner Mauer getan hat - zumeist an der GÜSt (= Grenzübergangsstelle) Bornholmer Straße.

          Harald Jäger, 1943 geboren, als Kind einer Arbeiterfamilie in Bautzen aufgewachsen, erlernter Beruf Ofensetzer, meldet sich als 18-Jähriger freiwillig zur Grenzpolizei, die fünf Wochen nach dem 13. August 1961 zur Grenztruppe der NVA ("Kommando Grenze") umgebildet wird. In seinen ersten drei Dienstjahren ist er nun Grenzsoldat an der Berliner Mauer. Und hier bleibt er jahrzehntelang, denn 1964 wechselt Harald Jäger zu den PKE. Seine Karriere im MfS beginnt im Schalterhäuschen der Passkontrolle. Später ist er Zugführer einer Passkontrolleinheit. Ab 1976 absolviert er ein Drei-Jahres-Studium, an der Juristischen Hochschule in Potsdam-Eiche, der wichtigsten Kaderschmiede des MfS, die er als "Diplom-Jurist" verlässt - mit Aussicht auf baldige Beförderung zum Oberstleutnant. Natürlich ist er längst Genosse, ebenso seine Frau, die Tochter eines ZK-Mitarbeiters; sie arbeitet in einer Kreisleitung der Partei. Aus der Ehe gehen zwei Töchter und ein Sohn hervor. Eine sozialistische Bilderbuchfamilie mit Plattenbauwohnung in Hohenschönhausen. Alltagsgeschichte der DDR, die der Autor einfühlsam erzählt. Getrübt wird die Idylle, als der Sohn wegen eines Dummen-Jungen-Streichs von der Erweiterten Oberschule fliegt.

          Jägers Schicksalsstunde schlägt am 9. November 1989. Wie so oft ist er diensthabender PKE-Leiter. Beim Abendbrot in der Kantine verfolgt er am Fernseher die Pressekonferenz, auf der Politbüro-Mitglied Schabowski als Sprecher des ZK wenige Minuten vor 19.00 Uhr eigenmächtig die im Plenum zuvor abgesegnete Neuregelung des Reiseverkehrs verkündet. Sie ist noch nicht in Kraft, denn sie bedarf der rechtlichen Formalisierung, aber auf Nachfragen bestätigt Schabowski, dass Ausreisen für DDR-Bürger "sofort" möglich seien, "unverzüglich".

          Der Diensthabende an der GÜSt Bornholmer Straße hört es fassungslos. Telefonische Rückfragen im Operativen Lagezentrum schaffen keine Klarheit. Weisungen bleiben aus. Dramatik stellt sich in den Abendstunden ein, als sich in der Bornholmer Straße Hunderte, Tausende von Menschen sammeln. Sie wollen "nach drüben". Obwohl die Menge ungeduldig und unruhig wird, bleibt Jäger ohne aktuelle Instruktionen. Um den Grenzübertritt zu kanalisieren, erhält er Order, die Personalausweise einzelner "provokativer Ausreisewilliger" beim Grenzübertritt durch Abstempeln markieren zu lassen. Ein Provisorium, das sich angesichts der Massen als unpraktikabel erweist. Nach hektischen erfolglosen Telefonaten mit seinen Vorgesetzten löst er Alarm aus. In seiner Not entscheidet Jäger gegen den Befehl und meldet dem OLZ: "Ich habe die Passkontrollen einstellen lassen. Die GÜSt war nicht mehr zu halten." Gewalt und Blutvergießen werden so verhindert.

          Erst zu später Stunde erreicht den ahnungslosen Verteidigungsminister, der in Strausberg mit den ebenso ahnungslosen Befehlshabern der Teilstreitkräfte konferiert, die Information, dass der diensthabende Offizier einer Berliner PKE eigenmächtig die GÜSt geöffnet hat. Kurz darauf meldet der Chef der Grenztruppen, dass auf Weisung des MfS mittlerweile alle Grenzübergänge geöffnet worden seien.

          Das alles ist nicht neu, Hans-Hermann Hertle hat das seit langem gründlich aufgearbeitet, aber Haase-Hindenberg gestaltet es packend, gespickt mit Zitaten aus Dokumenten und medialen Quellen, vor allem aber ergänzt durch die Biographie Jägers und seine authentischen Erinnerungen als Zeitzeuge. Der Autor schreibt im historischen Präsenz, zumeist im Reportagestil, Dialoge machen den Text lesbar, sind aber natürlich (re-)konstruiert.

          Hat Oberstleutnant Jäger Weltgeschichte geschrieben, als er befehlswidrig handelte und die Mauer öffnete? Der Autor konstatiert dies im Untertitel des Buches. Der Anspruch ist gewiss zu prätentiös, aber klug und verantwortlich und ehrbar hat der ehemalige PKE-Offizier ganz gewiss gehandelt. Das Buch schließt mit einem wörtlich wiedergegebenen Gespräch mit Harald Jäger - eine aktuelle politische Standortbestimmung. Er ist nach persönlichen Schwierigkeiten im geeinten Deutschland "angekommen" und hat sich zu der Einsicht durchgerungen, dass er "das Unrecht des Systems mitgetragen" hat. Respekt!

          KARL WILHELM FRICKE

          Gerhard Haase-Hindenberg: Der Mann, der die Mauer öffnete. Warum Oberstleutnant Harald Jäger den Befehl verweigerte und damit Weltgeschichte schrieb. Wilhelm Heyne Verlag, München 2007. 252 S., 18,95 [Euro].

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