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: Großvater grüßt Großadmiral

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Mit der Gretchenfrage können nicht nur Faust-Fans etwas anfangen. Doch wer erinnert sich noch an die Großadmiralsfrage? Die stellte sich für die junge Bundeswehr und besonders die Bundesmarine: "Wie hast du's mit Erich Raeder und Karl Dönitz?" Der eine, 1876 geboren, war bis Jahresbeginn 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine.

          Mit der Gretchenfrage können nicht nur Faust-Fans etwas anfangen. Doch wer erinnert sich noch an die Großadmiralsfrage? Die stellte sich für die junge Bundeswehr und besonders die Bundesmarine: "Wie hast du's mit Erich Raeder und Karl Dönitz?" Der eine, 1876 geboren, war bis Jahresbeginn 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Der andere, 1891 geboren, baute die U-Boot-Waffe auf, war deren Befehlshaber und von Anfang 1943 bis Ende April 1945 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, schließlich vom 1. Mai bis 23. Mai 1945 - von Hitler testamentarisch bestimmt - Reichspräsident und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht. Die beiden Großadmirale Hitlers gehörten zu den 24 Angeklagten im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Der Internationale Militärgerichtshof verurteilte am 1. Oktober 1946 Raeder zu lebenslanger Haft und Dönitz zu zehn Jahren.

          Im September 1955 wurde Raeder aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen. Dönitz kam am 1. Oktober 1956 frei und ließ sich in Aumühle bei Hamburg nieder. Als Raeder starb, nahm Dönitz im November 1960 an der Beerdigung teil. In der Kieler Petruskirche sprach der Inspekteur der Bundesmarine Friedrich Ruge in Uniform - jedoch nicht als Vertreter des Verteidigungsministeriums - über den Menschen Raeder, erinnerte an das "düstere Geschick der Oberbefehlshaber der Marine nach 1945", die doch beide in Nürnberg "in Bezug auf die deutsche Seekriegführung für die gesamte Dauer des Krieges freigesprochen" worden seien. Raeder habe "ein schweres Schicksal für die ganze von ihm geliebte Marine klaglos und würdig erduldet". Anschließend ergriff Dönitz das Wort, ohne dass über den Inhalt irgendetwas überliefert ist. Die "Bild"-Zeitung empörte sich, dass Ruge den "umstrittenen letzten Chef der Reichsregierung" militärisch grüßte.

          In späteren Gesprächen - so schreibt Dieter Hartwig in seiner materialreichen, sehr detailverliebten und für das Traditionsverständnis der Bundesmarine höchst bedeutsamen Studie über Dönitz - versuchte Ruge sein Verhalten zu rechtfertigen: "er habe Dönitz nicht be-, sondern nur gegrüßt". Hartwig muss es genau wissen, zumal der Fregattenkapitän a. D. und promovierte Militärhistoriker ein Enkel Ruges ist - allerdings einer, der den Großvater nicht schont, wenn er den Großadmiral vom Denkmalsockel des "genialen U-Boot-Strategen" oder des "Retters von zwei Millionen Flüchtlingen über die Ostsee" holt. Dönitz war Anfang 1944 in die NSDAP eingetreten, weil ihm Hitlers Lagebeurteilungen zeigten, "wie unbedeutend wir alle im Vergleich mit dem Führer sind". Der Durchhalte-Fanatiker erklärte kurz darauf im Rundfunk: "Was wäre unsere Heimat heute, wenn der Führer uns nicht im Nationalsozialismus geeint hätte? Zerrissen in Parteien, durchsetzt von dem auflösenden Gift des Judentums und diesem zugänglich, da die Abwehr unserer jetzigen kompromisslosen Weltanschauung fehlte, wären wir längst der Belastung des Krieges erlegen und der erbarmungslosen Vernichtung unserer Gegner ausgeliefert worden."

          Seine Devise lautete immer: "Lieber ehrenvoll untergehen als die Flagge streichen!" Dass zirka 60 Prozent aller deutschen U-Boot-Fahrer im Zweiten Weltkrieg den Tod fanden und 75 Prozent aller eingesetzten U-Boote verlorengingen, verklärte Dönitz als "Opfergang". Viele der 10 000 überlebenden U-Boot-Männer hielten ihm dennoch die Treue, weil Dönitz als Angeklagter in Nürnberg - so Hartwig - die Verantwortung für jegliches Verhalten der Kriegsmarineangehörigen auf sich nahm. Dafür vergötterten einstige Untergebene den Spandauer Häftling als "Opferlamm".

          Rettete Dönitz zwei Millionen Menschen aus dem Osten? Die immer noch verbreitete Legende brach wissenschaftlich schon mit den 1972 publizierten Lagevorträgen des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine vor Hitler und mit dem 1988 veröffentlichten Kriegstagebuch der Seekriegsleitung zusammen: Anfang Mai 1945 standen die Kampfhandlungen im Zentrum der Befehlsgebung. Erst am 6. Mai stellte Dönitz die für den U-Boot-Krieg zurückgehaltenen Brennstoffreserven den Rettungschiffen zur Verfügung. "Wirklich gerettet wurden diese Menschen außer vom eigenen Lebens- und Durchhaltewillen von den Besatzungen der beteiligten Schiffe, Boote und Dienststellen, die, weitgehend auf sich gestellt, ohne oder sogar gegen Befehle höchster Stellen handelten", resümiert Hartwig.

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