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: Goldkörnchen

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RETTUNGSWIDERSTAND ist ein von Arno Lustiger geprägter Begriff, der das Verhalten jener Männer aus Wehrmacht, Polizei, Organisation Todt und SS umschreibt, die sich im Zweiten Weltkrieg eine humane Orientierung bewahren wollten und konnten. Dreizehn Lebensgeschichten gibt Wolfram Wette nun als Fortsetzung seines Sammelbandes "Retter in Uniform.

          RETTUNGSWIDERSTAND ist ein von Arno Lustiger geprägter Begriff, der das Verhalten jener Männer aus Wehrmacht, Polizei, Organisation Todt und SS umschreibt, die sich im Zweiten Weltkrieg eine humane Orientierung bewahren wollten und konnten. Dreizehn Lebensgeschichten gibt Wolfram Wette nun als Fortsetzung seines Sammelbandes "Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht" (F.A.Z. vom 11. April 2002) heraus. Er spricht in diesem Zusammenhang von "Goldkörnchen unter einem riesigen Haufen von historischem Schutt". So nutzte Major Karl Plagge die Funktion als Leiter des Heereskraftfahrparks 562 in Wilna dazu, über Jahre hinweg Hunderte von Juden in seiner Dienststelle zu beschäftigen und sie schließlich am 1. Juli 1944 vor der drohenden Vernichtung durch die SS zu warnen. Immerhin gelang noch 35 Gefangenen eine erfolgreiche Flucht. Einem dieser Geretteten schrieb Plagge 1948: "Was ich Ihnen und Ihren Freunden tun konnte und tun durfte, war nicht nur eine Selbstverständlichkeit, zu der jeder fühlende Mensch gegenüber seinen in Not befindlichen Mitmenschen verpflichtet ist, sondern noch viel zu wenig, gemessen an der entsetzlichen Lage, in der sie sich damals befanden. Eines Dankes bedarf es da nicht." Auch der SS-Unterscharführer Alfons Zündler konnte als Bewacher in der "Hollandse Schouwburg", einem zur Sammelstelle für den Abtransport von mehr als 60000 Juden in die Vernichtungslager umfunktionierten Theater in Amsterdam, etwa sechshundert Kindern und einer Vielzahl Erwachsener zur Flucht verhelfen. Erst Anfang der neunziger Jahre machte ihn eine niederländische Journalistin in München ausfindig. Mit einer Ehrung Zündlers tat sich die jüdische Gemeinde in Holland allerdings schwer, weil es sich um einen SS-Mann handelte. Zudem wurde die - nie bewiesene - Behauptung aufgestellt, daß sich Zündler für seine Aktionen habe entlohnen lassen. Wettes Resümee der zweiten Aufsatzsammlung lautet: Durch schriftliche Quellen oder durch Zeugnisse der Geretteten lassen sich insgesamt "bislang nicht einmal hundert solcher Fälle belegen. Über die mögliche Dunkelziffer kann man momentan nur spekulieren." Jedenfalls lohnt die weitere Suche nach jenen "Gerechten", die sich ihnen bietende Handlungsspielräume zur Rettung von Verfolgten nutzten und damit aus der Dunkelheit des "Dritten Reiches" als Anständige in die Gegenwart hinüberstrahlen. (Wolfram Wette : Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004. 361 Seiten, 14,90 [Euro].)

          rab.

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