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: Gladiatoren im Kalten Krieg

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Immer gibt es eine letzte Möglichkeit. Auch im Krieg. Der Kampf hinter den feindlichen Linien gehörte und gehört zum Kernbestand militärischer Planung - auch in der Zeit des Kalten Krieges und auch im Rahmen der Nato. Hier sollte eine als "Gladio" firmierende "Stay behind"-Truppe die Organisation des Widerstandes gegen die kommunistischen Invasoren übernehmen.

          Immer gibt es eine letzte Möglichkeit. Auch im Krieg. Der Kampf hinter den feindlichen Linien gehörte und gehört zum Kernbestand militärischer Planung - auch in der Zeit des Kalten Krieges und auch im Rahmen der Nato. Hier sollte eine als "Gladio" firmierende "Stay behind"-Truppe die Organisation des Widerstandes gegen die kommunistischen Invasoren übernehmen. Die Zuständigkeit lag bei den 16 Mitgliedern der Atlantischen Allianz, die Koordination erfolgte aus dem Nato-Hauptquartier. Aus heutiger Sicht erstaunlich ist nicht die Existenz dieses Netzwerks. Erstaunlich ist, dass es der Öffentlichkeit jahrzehntelang weitgehend verborgen blieb und ihr erst bekannt wurde, als die Sowjetunion und ihr Imperium kollabierten und die Gladiatoren mit dem Ende des Kalten Krieges ihre Aufgabe verloren hatten. Als die entsprechenden Informationen 1990, von Italien ausgehend, in rascher Folge in den einzelnen Mitgliedstaaten einschlugen, sahen sich die Regierungen zu öffentlichen Klarstellungen veranlasst.

          Auch die Bundesregierung, die Anfang Dezember 1990 durch Lutz Stavenhagen, Staatsminister im Bundeskanzleramt, ihren Bericht "über die Stay-behind-Organisation des Bundesnachrichtendienstes" (BND) vorlegte. Das vierseitige Papier ist dann auch die wichtigste, genaugenommen die einzige Quelle, auf die sich der Schweizer Historiker Daniele Ganser im Falle der deutschen "Stay behind"-Truppe stützen kann. Nicht besser sieht es bei den übrigen 13 Nato-Staaten aus, die er näher untersucht. Nicht einmal im Falle der Vereinigten Staaten, wo die Geheimarmee nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Taufe gehoben wurde, konnte Ganser für seine Arbeit in nennenswertem Maße auf unbekanntes Material zurückgreifen. Das zentrale Dokument, die Direktive 10/2 des "National Security Council", wird aus zweiter Hand zitiert.

          Es datiert vom 18. Juni 1948, entstand also in einer Zeit, als die Teilung Deutschlands und Europas klare Konturen annahm und ein Angriff der Roten Armee, die ja an der Elbe stand, nicht ausgeschlossen werden konnte. Für diesen Fall wurden die Operationen der Gladiatoren geplant. Sie sollten, so die Direktive, "alle heimlichen Aktivitäten umfassen, die etwas mit Propaganda, wirtschaftlicher Kriegsführung und präventiven direkten Aktionen zu tun haben, einschließlich Sabotage, Antisabotage, Zerstörung und Maßnahmen zur Evakuierung, auch Subversion gegenüber feindlichen Staaten, einschließlich der Unterstützung von Untergrundbewegungen im Widerstand, Guerrillas und Flüchtlingsbefreiungsgruppen und der Unterstützung einheimischer antikommunistischer Elemente in bedrohten Ländern der freien Welt".

          So weit die Theorie. Die Praxis sah anders aus - weil der kommunistische Großangriff ausblieb und sich die geheimen Armeen hier und da auf die Bekämpfung unliebsamer Gegner im Innern verlegten. Was Ganser hier zusammenträgt, ist zwar in der Gesamtschau bemerkenswert, im Einzelfall aber zumeist schon bekannt und nicht selten grotesk überzeichnet. So auch im Fall der Bundesrepublik Deutschland, wo zunächst die "Organisation Gehlen" und nach deren Überführung in die Bundesverwaltung, also seit April 1956, der BND für die "Stay behind"-Aktivitäten zuständig war. Es ist ja zutreffend, dass sich das Führungspersonal der ersten Generation - mit nachdrücklicher amerikanischer Unterstützung und wohl auch mangels ausreichender personeller Alternativen - aus vormaligen Wehrmachts-, NSDAP- und in einigen Fällen sogar SS-Angehörigen zusammensetzte; auch ist über Reinhard Gehlen noch vieles zu sagen. Aber als "einer der schrecklichsten Gewalttäter des Krieges: . . . Mord durch Verhungern von etwa 4 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen" wird er wohl kaum gelten können.

          Außer Frage steht hingegen, dass es gerade in den frühen Jahren des BND beziehungsweise seiner Vorläuferin zahlreiche Verbindungen in das rechte Milieu gegeben hat. Ob und in welchem Maße Gehlens Organisation beispielsweise in dem von den Vereinigten Staaten aufgebauten Netzwerk engagiert war, das sich als "Technischer Dienst" auf die Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten spezialisiert hatte und 1952 aufflog, lässt sich erst sagen, wenn die Akten, falls sie noch existieren, zugänglich sind. So aber sind Spekulationen aller Art Tür und Tor geöffnet. Das gilt zum Beispiel für die Dimension besagter Truppen. Während Ganser für die frühen fünfziger Jahre von "geheimen deutschen Nazi-Stay-behind-Armeen" in Divisionsstärke ausgeht, sprechen andere für die sechziger Jahre von weniger als 100 hauptamtlichen BND-Mitarbeitern und etwa 500 Helfern.

          Es gilt auch für die Verwicklung des BND in Aktionen wie das Bombenattentat auf dem Münchener Oktoberfest Ende September 1980: "Selbst wenn die USA, die Nato und der BND nichts mit dem Münchener Terroranschlag zu tun hatten, so würde die Entdeckung einer Geheimarmee, die mit Rechtsextremisten in Verbindung stand, sehr ernsthafte Fragen aufgeworfen haben. Beispielsweise, wie gut die Geheimsoldaten und ihre Waffenlager von den demokratischen deutschen Institutionen kontrolliert wurden." Womit sich dann für Ganser ein Kreis schließt, könne doch - so sein Fazit - "nicht hingenommen werden, dass Steuergelder dafür verwendet werden, Bürger zu töten, welche selber die Steuern einbezahlt hatten". Dem steuerzahlenden Bürger drängt sich unterdessen einmal mehr die Frage auf, woher einer Organisation wie dem BND die größere Gefahr droht: von Gegnern mit professioneller Entschlossenheit oder von Amateuren mit schlichtem Gemüt.

          GREGOR SCHÖLLGEN

          Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Orell Füssli Verlag, Zürich 2008. 445 S., 29,80 [Euro].

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