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: Geschickter Gesandter

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Wigbert Benz: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. wvb-Verlag, Berlin 2005. 112 Seiten, 16,80 [Euro].Seit Jahrzehnten lassen Paul Carells Publikationen die Landser an allen Fronten hochleben. Trotzdem schwiegen sich die beiden sogenannten Wehrmachtsausstellungen ...

          Wigbert Benz: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. wvb-Verlag, Berlin 2005. 112 Seiten, 16,80 [Euro].

          Seit Jahrzehnten lassen Paul Carells Publikationen die Landser an allen Fronten hochleben. Trotzdem schwiegen sich die beiden sogenannten Wehrmachtsausstellungen von 1995 und von 2001, "die sich ja explizit mit den Verbrechen der Wehrmacht und deren öffentlicher wie privater Rezeption befassen wollten", über ihn aus. Deshalb spürt nun der Geschichtslehrer Wigbert Benz dem Wirken des 1997 in Rottach-Egern verstorbenen Erfolgsautors nach, der 1911 als Paul Karl Schmidt in Kelbra am Kyffhäuser geboren wurde.

          Während des "Blitzkrieges" machte der promovierte Psychologe, den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop Ende 1938 in die Presse- und Nachrichtenabteilung der Wilhelmstraße geholt hatte, eine Blitzkarriere. Vor seinem 29. Geburtstag konnte er die Leitung der Abteilung übernehmen und wurde später zum jüngsten Gesandten I. Klasse im Range eines Ministerialdirigenten ernannt. Er gründete die Antikomintern-Pakt-Zeitschrift "Berlin-Rom-Tokio" und nahm maßgeblichen Einfluß auf die Auslandsillustrierte "Signal", die 1943 auf dem Höhepunkt ihrer Verbreitung in zwanzig Sprachen in einer Auflage von 2,5 Milllionen erschien. Neben der Verherrlichung von Nationalsozialismus und Wehrmacht gehörten die Propagierung einer "europäischen Großraumwirtschaft" unter deutscher Führung und der "Kampf gegen die Bolschewiken" zu den bevorzugten "Signal"-Themen.

          Bei Kriegsende 1945 wurde Schmidt für zweieinhalb Jahre interniert und in der Vorbereitungsphase des Nürnberger "Wilhelmstraßen-Prozesses" gegen das Auswärtige Amt und andere Ministerien als Zeuge von den amerikanischen Anklägern herangezogen. Und so mußte er sich vor Prozeßbeginn zu eigenen Vorschlägen vom Frühjahr 1944 äußern, die sich mit den ungarischen Juden befaßten. Der frühere Gesandte meinte, daß er "im Netz dieser schrecklichen Dinge gefangen gewesen" sei. Außerdem behauptete er dreist, sich als Gegner des Nationalsozialismus "Nachteile" bei Ribbentrop eingehandelt zu haben. Dabei hatte Schmidt in der "Notiz für den Staatssekretär" vom 27. Mai 1944 angeregt, "äußere Anlässe und Begründungen" für die Verfolgungen und Deportationen der Budapester Juden zu schaffen: "Spengstoffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisationen, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenschiebungen großen Stils mit dem Ziele der Untergrabung des ungarischen Währungsgefüges". So wollte er der erwarteten "großen Beachtung" des Auslands entgegenwirken: "Die Gegner würden schreien und von Menschenjagd usw. sprechen und unter Verwendung von Greuelberichten die eigene Stimmung und auch die Stimmung bei den Neutralen aufzuputschen versuchen." Die Notiz spielte im "Wilhelmstraßen-Prozeß" als Dokument NG 2424 eine große Rolle und findet sich ohne Angabe des Verfassers paraphrasiert wieder im Urteil gegen Außenamts-Staatssekretär Gustav Adolf Baron Steengracht von Moyland.

          Benz stuft die Empfehlungen sprachlich mißglückt als "Holocaust PR" ein. Schmidts Vorschläge führten dann 1965 zu Ermittlungen "wegen Mordes". Damals wandte sich die Verdener Staatsanwaltschaft an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und in den Ludwigsburger Beständen (mittlerweile eine Außenstelle des Bundesarchivs) fand Benz jetzt weitere Schriftstücke zu jenem Verfahren, das Schmidt "bis über seinen Tod hinaus vor der Öffentlichkeit" verborgen habe. Nach seiner Vernehmung hielt einer der Ludwigsburger Staatsanwälte im Herbst 1966 fest, daß Schmidts Initiative "nicht zur Ausführung" gekommen sei; daher stelle sich "seine Tat insoweit strafrechtlich als erfolglose oder versuchte Beihilfe zu Tötungsverbrechen dar", die seit den Gesetzesänderungen von 1953 nicht mehr unter Strafe stehe. Erst 1971 stellte die Staatsanwaltschaft Verden die Ermittlungen ein, weil sich "kein Anhalt für eine strafbare Teilnahme (Beihilfe)" ergeben habe.

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