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: Gegen die Feinde der Freiheit

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Zum Vierzigsten der Achtundsechziger legt Ute Scheuch eine Dokumentation über das "rote Jahrzehnt" (Gerd Koenen) am Kölner Institut für Soziologie und Vergleichende Sozialforschung vor. Im Zentrum des Kesseltreibens stand damals ihr Mann Erwin Kurt Scheuch (1928-2003). Erst 1978 trollten sich dort die linken Aufrührer.

          Zum Vierzigsten der Achtundsechziger legt Ute Scheuch eine Dokumentation über das "rote Jahrzehnt" (Gerd Koenen) am Kölner Institut für Soziologie und Vergleichende Sozialforschung vor. Im Zentrum des Kesseltreibens stand damals ihr Mann Erwin Kurt Scheuch (1928-2003). Erst 1978 trollten sich dort die linken Aufrührer. Ihre Hetzereien, ihr Gebrüll im Hörsaal, Diffamierung und Denunziation spielte Scheuch selbst später herunter. Bei einem Festvortrag an seiner alten Schule in Köln reduzierte der Professor die Erlebniswelt aus intellektueller Verwahrlosung, subversiver Finesse kommunistischer Reisekader und marxistischem Utopismus auf die Bemerkung, dass er gegenüber allem Schwärmertum lediglich "unmusikalisch" gewesen sei.

          Doch wie Scheuchs Witwe jetzt in ihrem Dossier aus Werkgeschichte, Prozessakten, Presseartikeln und Korrespondenzen ermittelt, setzte dem Präzeptor der Kölner Soziologie die Auflösung des akademisch Selbstverständlichen hart zu. Etwa dessen, dass alle wissenschaftlichen Ergebnisse immer nur vorläufig gälten. Oder dass Soziologie keine ideologische Reflex-, sondern eine wirklichkeitsgebundene Reflexionswissenschaft sei. Studenten warnte er vor Konversionserlebnissen, aber auch jene Kollegen, die sich mit großem Geschick ratlos stellten. Das NRW-Wissenschaftsministerium unterstützte Scheuch nur mit Verständnis dafür, "dass der einzelne Hochschullehrer in dieser Situation oft überfordert sei". Er wurde verleumdet wegen seiner Personalentscheidungen, die zeitweilig zur Entfremdung von René König führten. Dann wurde Scheuch bezichtigt, Pläne zum psychologischen Flankenschutz für den Einsatz der Bundeswehr bei inneren Unruhen geliefert zu haben ("Fall Euskirchen"). Auch unterstellte man ihm Gutachten-Manipulationen ("Fall Contergan"). Scheuch wurde verwickelt in zwölf Gerichtsprozesse. Keinen verlor er. Im Feldlager der Freiheit für Forschung und Lehre musste er sich oft als Einzelkämpfer fühlen. Anlässlich seines Todes nannte ihn Uni-Rektor Klaus Stern in einem Kondolenzbrief "einen Wissenschaftler von hohem Rang und einen immerwährenden Kämpfer um unsere freiheitliche Ordnung". Dieser Kampf wurde ein heißer mit Scheuchs Buch über "Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft" (1968).

          Über den Prolog der Protestbewegung schrieb René König, Scheuchs Mentor, später: "Als Credo der Jugendforschung galt damals die von Schelsky verfolgte Linie über die ,skeptische Generation', von der Erwin K. Scheuch sehr treffend sagte, es handle sich dabei nicht um die Erforschung der deutschen Jugend, sondern um die Meinungsanalyse ehemaliger Nationalsozialisten, die auf die gegenwärtige Jugend projiziert werde." Ihre Selbstentlassung aus dem Nachkriegsmilieu entstaute sich bald über einen Katarakt, in dem sich der Reformeifer oft selbst überrollte.

          Noch 1967 galt Scheuch als liberaler Hoffnungsträger. Bei der Gedenkveranstaltung für Benno Ohnesorg forderte er die Entlarvung der Feinde der Freiheit. Doch warnte er davor, Hass mit Hass zu vergelten. Auf Trompetenstöße warteten die Sprungbereiten vergeblich. Deswegen traf Scheuch selbst auf dem 16. Soziologentag in Frankfurt 1968 der Hass. Mit Handzetteln wurde angeprangert "die Verfolgung und Ermordung der Soziologie, dargestellt von der Scheuchspielgruppe des Instituts für vergleichende Sozialforschung unter Anleitung des Zwingherrn Erwin Kurt Scheuch". Dieser nannte die aus seiner Sicht totalitären Aufheizer bald rotlackierte Nazis mit braunen Ablegern. Scheuch konnte durchaus ein Auditorium zur Arena machen. Provokationslatenz stand er durch. Die "Frankfurter Schule" blieb für den Kölner zu spekulativ.

          Bis zur zweiten Amtszeit Willy Brandts war Scheuch, wie er sagte, ein "engagierter Sympathisant der SPD". Doch dann habe "die SPD mich verlassen". 25 Jahre gehörte Scheuch danach zur CDU. Wegen der "Dienstflüge-Affäre" Rita Süssmuths verließ er die Partei. Als Mitbegründer des Bundes Freiheit der Wissenschaft milderte er manche Holzereien genervter Kollegen. Scheuch wollte Soziologie nicht hergeben für Dogmatismus. Er suchte mit seinen in den Vereinigten Staaten (Columbia, Harvard, Berkeley) erlernten Skalierungsverfahren und von ihm selbst entwickelten Erhebungstechniken die Thermodynamik des Wandels in unserer Gesellschaft besser zu begreifen. Immer besorgter stimmten ihn dabei die Ergebnisse seiner Untersuchungen. Etwa der Auswirkungen der Achtundsechziger-Pädagogik auf Leistung und Charakterbildung in den Schulen. Ebenso stellte Scheuch bedenkliche "Immunisierungsreaktionen" zwischen Volk und Volksvertretern fest. Ob Spendenskandale oder Klüngel - Scheuch wurde immer zorniger. Zu seinem Tod schrieb diese Zeitung am 15. Oktober 2003: "Seine Geburtsstadt Köln gab das ideale Forschungsfeld für Studien zur Korruption ab." Bereits 2001 verwies Scheuch auf "schlafende Aufsichtsräte", "gierige Genossen", "Luftgeschäfte", "auf zahnlose Kobras" unter den Banken. Postum erschienen Aufsätze über den "Casino-Kapitalismus" kleiner amerikanischer Cliquen. Was haben all diese Mahnungen bewirkt? Jedenfalls lässt Ute Scheuch nicht locker. Getreu dem Vermächtnis ihres Mannes.

          MANFRED FUNKE

          Ute Scheuch: Erwin K. Scheuch im roten Jahrzehnt. E. Ferger Verlag, Bergisch Gladbach 2008. 212 S., 28,- [Euro].

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