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: Führer-Hypnose

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ADOLF HITLER stilisierte in "Mein Kampf" den Lazarettaufenthalt in Pasewalk vom November 1918 zum Wendepunkt in seinem Leben: "Ich aber beschloß, Politiker zu werden." Wie Manfred Koch-Hillebrecht (F.A.Z. vom 9. Juni 2004) geht auch Bernhard Horstmann dieser Geschichte nach: Hitler war damals in psychiatrischer Behandlung, die seine Persönlichkeit stark beeinflußte.

          ADOLF HITLER stilisierte in "Mein Kampf" den Lazarettaufenthalt in Pasewalk vom November 1918 zum Wendepunkt in seinem Leben: "Ich aber beschloß, Politiker zu werden." Wie Manfred Koch-Hillebrecht (F.A.Z. vom 9. Juni 2004) geht auch Bernhard Horstmann dieser Geschichte nach: Hitler war damals in psychiatrischer Behandlung, die seine Persönlichkeit stark beeinflußte. Er hatte fortan das Bewußtsein, auserwählt zu sein. Horstmann konzentriert sich auf die Rekonstruktion der Umstände von Verwundung und Heilung Hitlers sowie der Folgen für ihn und seinen behandelnden Arzt. Der Marinepsychiater Professor Edmund Forster habe möglicherweise die Behandlung nicht ordnungsgemäß beendet, so daß sich Hitler für den Rest seines Lebens unter posthypnotischem Einfluß befunden hätte. Der Autor zeichnet den Lebensweg Forsters bis zu dessen Selbstmord im Herbst 1933 nach. Die Aufzeichnungen über seine Tätigkeit in Pasewalk übergab er kurz davor in Paris dem Kreis der Emigranten um die Wochenschrift "Neues Tagebuch". Sie gingen in den vermutlich Anfang 1940 abgeschlossenen Roman "Der Augenzeuge" des Exilschriftstellers und Arztes Ernst Weiß ein, der erst nach 1945 veröffentlicht wurde. Das Wissen um Hitlers Pasewalk-Aufenthalt war brisant: Der ehemalige Reichskanzler von Schleicher und Generalmajor von Bredow hatten sich Hitlers militärische Krankenakte beschafft, im Zuge des "Röhm-Putsches" wurden beide liquidiert. Daß hier Spuren verwischt werden sollten, ist vorstellbar. Horstmann hat bei der Quellensuche eine anerkennenswerte Leistung vollbracht. Zu seiner Schlüsselquelle wird der Roman "Der Augenzeuge". Der Autor nimmt die detaillierte Schilderung der Hypnose des Patienten "A. H." wörtlich, während er weite Teile des Romans als literarische Verfremdung der Ereignisse betrachtet. Hier läßt er sich zu sehr in den Bann seiner Entdeckung ziehen und erzeugt so Widersprüche in seiner Argumentation. Wenn Horstmann selbst schreibt, "daß für Hitler die Wiederherstellung seiner Sehkraft in Pasewalk ein weltumstürzendes Ereignis gewesen sein muß, für Forster hingegen eine Routineangelegenheit", dann ist eine derart detaillierte Aufzeichnung zu einem Einzelfall kaum vorstellbar. Die Darstellung der Hypnose ist zwar plausibel, aber deshalb nicht unbedingt authentisch. Gelegentlich entsteht der Eindruck, als sei dem Autor die Schilderung seines Erkenntnisprozesses wichtiger als die Vermittlung der Erkenntnis selbst. (Bernhard Horstmann: Hitler in Pasewalk. Die Hypnose und ihre Folgen. Droste Verlag, Düsseldorf 2004. 256 Seiten, 17,95 [Euro].)

          KLAUS A. LANKHEIT

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