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: Freikauf

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Die Verhandlungen zwischen führenden Nationalsozialisten und jüdischen Repräsentanten zwischen 1933 und 1945 gehören zu den geheimnisumwitterten Themen der Zeitgeschichte. Nach der grundlegenden Untersuchung des israelischen Historikers Yehuda Bauer, die 1996 in deutscher Übersetzung erschien ("Freikauf von ...

          Die Verhandlungen zwischen führenden Nationalsozialisten und jüdischen Repräsentanten zwischen 1933 und 1945 gehören zu den geheimnisumwitterten Themen der Zeitgeschichte. Nach der grundlegenden Untersuchung des israelischen Historikers Yehuda Bauer, die 1996 in deutscher Übersetzung erschien ("Freikauf von Juden?"), berichtet jetzt ein Zeitzeuge einfühlsam und spannend über den Transfer von 1670 jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Jahr 1944 aus Ungarn via Bergen-Belsen in die Schweiz. Während sich Bauer auf eine breite Quellenbasis stützte, besticht das Buch von Ladislaus Löb durch persönliche Erfahrungen: "Mein Buch erzählt die Geschichte eines Juden, der den Mut und die Geisteskraft hatte, den nationalsozialistischen Mördern die Stirn zu bieten und Tausende vor einem elenden Tod zu bewahren. Es beschreibt, wie die Menschen in Bergen-Belsen sich am Leben festklammerten, bis Kasztner sie im letzten Moment freikaufte. Ohne diesen Mann hätte auch ich meinen zwölften Geburtstag nicht erlebt."

          Die Rede ist von Rezsö Kasztner, einem couragierten Journalisten und führenden Kopf der zionistischen Bewegung in Ungarn, der 1944 mit den SS-Führern Adolf Eichmann und Kurt Becher in Budapest über Menschenleben gegen Geld und Warenlieferungen verhandelte. Angeblich sei die SS bereit gewesen, gegen 10 000 Lastwagen das Leben einer Million Juden zu schonen. Schließlich, nach mehreren Täuschungsmanövern und auf Geheiß Himmlers, bewilligte Eichmann für ein Lösegeld von 1000 Dollar pro Person die Auswanderung von knapp 1700 ungarischen Juden. Dieser privilegierten Gruppe gehörte auch der elfjährige Ladislaus Löb an. Himmlers Bereitschaft zu dieser Geste ist vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden deutschen Niederlage zu sehen, wahrscheinlich in der Hoffnung auf einen Separatfrieden mit den westlichen Alliierten. Kasztner wurde 1957 von einem Extremisten in Israel erschossen. Manchen galt er als Kollaborateur und Verräter, weil er mit der SS paktiert hatte, vielen anderen aber als Retter und Held. Löb studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Anglistik und Germanistik. Zuletzt war er Professor für deutsche Sprache und Literatur in Brighton (England).

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Ladislaus Löb: Geschäfte mit dem Teufel. Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner. Bericht eines Überlebenden. Böhlau Verlag, Köln 2010. 277 S., 24,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2010, Nr. 260 / Seite 8

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