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Veröffentlicht: 17.07.2011, 16:05 Uhr

Erich Ludendorff In der Hölle der Materialschlachten

Erich Ludendorff kämpfte im Ersten Weltkrieg einen aussichtslosen Kampf. War er Deutschlands Verhängnis?

von Peter Graf Kielmansegg
© dpa Erich Ludendorff (1865-1937)

Biographien, sosehr das Publikum sie liebt, sind in der deutschen Geschichtswissenschaft - anders als etwa in der angelsächsischen - nie eine besonders hoch geschätzte historiographische Gattung gewesen. Gleichwohl werden sie glücklicherweise geschrieben, wenn man auch manchmal lange warten muss. Fast einhundert Jahre nachdem Erich Ludendorff weithin sichtbar die Bühne der Geschichte betreten hatte, hat nun der Dresdner Historiker Manfred Nebelin die erste großdimensionierte (500 Seiten Text und fast 200 Seiten Anmerkungen), professionell aus der Gesamtheit der verfügbaren Quellen erarbeitete Biographie des „Feldherrn des Weltkrieges“ - wie ihn seine Bewunderer nannten, solange es noch welche gab - vorgelegt.

Sieht man genau hin, sind es dann freilich doch nur die Kriegsjahre (das Buch endet mit der Flucht Ludendorffs nach Schweden im November 1918), ergänzt durch die sehr willkommene Darstellung des atemberaubend raschen Vorkriegsaufstiegs des ehrgeizigen jungen Offiziers bürgerlicher Herkunft bis in die Schlüsselposition des Chefs der Aufmarschabteilung des Großen Generalstabs. Eine Zwei-Drittel-Biographie also, vor allem aber ein Beitrag zur Geschichte des Ersten Weltkrieges.

Nebelin zerbricht sich denn auch nicht allzu sehr den Kopf darüber, wie man heutzutage als Historiker das Projekt einer Biographie angehen sollte. Er schreibt sein Ludendorff-Buch, und das ist eher gut so, mit einer gewissen konzeptionellen Unbefangenheit; stets, das ist einer der Vorzüge des Buches, sehr nah an den in eindrucksvoller Fülle aufgespürten und ausgewerteten Quellen; organisiert um die großen historischen Entscheidungskonstellationen, in denen Ludendorff eine Schlüsselrolle gespielt hat - die Heeresvermehrung von 1913; das Ringen mit Falkenhayn um die Strategie auf dem östlichen Kriegsschauplatz in den Jahren 1914 bis 1916; die Ablösung Falkenhayns als Chef des Generalstabs im August 1916; den Entschluss zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg und den Sturz des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg 1917; schließlich die „Ludendorff-Offensive“ im Frühjahr 1918, die letzte gewaltige Kraftanstrengung Deutschlands, die den Sieg erzwingen sollte und in der Niederlage endete. Durchgehend ist der Autor um ein differenzierendes Urteil bemüht, eine Bemühung, die beim Gegenstand Ludendorff weder einfach noch selbstverständlich ist.

Ludendorff © Vergrößern

Die Stärken des Buches, noch einmal, liegen in seiner Quellennähe, in seinem Materialreichtum, im Detail. Aber gerade diese Stärken lassen auch eine Schwäche deutlich hervortreten. Es fehlt an bilanzierenden Reflexionen über die Kernfragen, die sich einem Ludendorff-Biographen stellen: Was ist über den „Feldherrn“ Ludendorff zu sagen? War Ludendorff wirklich ein „Diktator“? Trifft das Urteil, mit dem das Buch den Leser entlässt: Ludendorff eine deutsche „Verhängnisgestalt“?

Es hat unter Kundigen nie einen Zweifel daran gegeben, dass Ludendorff, nicht Hindenburg der eigentliche Kopf der deutschen Kriegführung war. Nebelin bekräftigt diese Einschätzung. Auch macht er deutlich, dass Ludendorff Außerordentliches wohl eher als unerhört willens- und durchsetzungsstarker Organisator der deutschen Kriegsanstrengungen denn als strategischer Kopf geleistet hat. Gewiss: Tannenberg im Jahr 1914. Aber schon für die folgenden zwei Jahre im Osten stellt sich die Frage, ob in Ludendorffs Fixierung auf ein zweites, kriegsentscheidendes Tannenberg, ein gigantisches Cannae, nicht eine dogmatische Starrheit sichtbar wird. Und als Ludendorff 1916 dann die Gesamtverantwortung zufiel, musste auch er akzeptieren, dass es in dem mörderischen Stellungskrieg der Westfront im Grunde gar keinen Raum für operatives Denken und Handeln, für Strategie also, gab. Mehr als die Perfektionierung der Taktik - zunächst der Verteidigung und dann, 1918, des Angriffs - war in der Hölle der Materialschlachten nicht möglich.

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