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: Ein Staat entsteht und modernisiert sich

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Als 1982 die erste Auflage des englischen Originals erschien, wurde es in der Fachwelt rasch das Standardwerk zur Geschichte der jungen Vereinigten Arabischen Emirate. Nur wenige hatten sich damals für die Golfregion interessiert, die bis zur Erdöl-Epoche eine der am wenigsten entwickelten überhaupt war.

          Als 1982 die erste Auflage des englischen Originals erschien, wurde es in der Fachwelt rasch das Standardwerk zur Geschichte der jungen Vereinigten Arabischen Emirate. Nur wenige hatten sich damals für die Golfregion interessiert, die bis zur Erdöl-Epoche eine der am wenigsten entwickelten überhaupt war. Dann begann das Erdöl zu sprudeln, und die Petrodollar ermöglichten in wenigen Jahrzehnten einen Entwicklungssprung von einer Lebensform, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben worden war, zu einem Reichtum, der heute die Blicke der Welt auf sich zieht. Selten hat eine Gesellschaft eine derart rasche Transformation erlebt.

          In der Golfregion geben die Vereinigten Arabischen Emirate Trend und Tempo vor. Es ist daher zu begrüßen, dass das Standardwerk der deutschen Historikerin Frauke Heard-Bey endlich auch auf Deutsch vorliegt, nach drei englischen Auflagen und Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. 1967 war sie ihrem Mann, dem britischen Geologen David Heard, nach Abu Dhabi gefolgt. Geteerte Straßen fand sie nicht vor, Generatoren produzierten Strom. Zwei Jahre wollte sie bleiben. Da verkündete die britische Regierung den Rückzug aus allen immer noch abhängigen Territorien "östlich von Suez", also auch aus den "Trucial States", wie die Emirate damals hießen, die sich 1971 zu den "Vereinigten Arabischen Emiraten" zusammenschließen sollten.

          Das weckte bei der Historikerin ein doppeltes Interesse. Sie wollte beobachten, wie ein Staat gegründet und geschaffen wird. Auch wollte sie sehen, wie sich eine Gesellschaft verändert, die in traditionellen Stammesstrukturen verankert ist. 1968 begann sie, am Nationalarchiv Abu Dhabis zu forschen, das im alten Fort eingerichtet war und bereits Dokumente sammelte. Auch sprach Heard-Bey in der kleinen, übersichtlichen Gesellschaft mit den Menschen und hielt ihre Erinnerungen fest. Die Einheimischen waren überwiegend Analphabeten und arm. Auf der Insel Saadiyat, wo heute die Museen für den Louvre und Guggenheim gebaut werden, schnitten sie Mangroven als Futter für ihre Kamele, die sie vor ihren Häusern aus Barastipalmenmatten hielten. Sie wussten noch, wie Familien als Folge des Niedergangs der Perlenindustrie nach Qatar und Kuweit ausgewandert sind.

          Jahrhunderte hatte sich die Gesellschaft wegen der extremen klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen kaum verändert. In den sechziger Jahren brach das Erdöl diesen Stillstand auf. Eine Entwicklung setzte langsam ein. Die Ölindustrie schuf Arbeitsplätze, und das, was die Keimzelle des Staats war, verwendete Erdölgelder, um Schulen zu bauen und in der Bürokratie und der Armee Arbeit zu schaffen. Der Emir sprach nicht mehr vor seinem Amtssitz selbst Recht, sondern stellte dazu Richter ein. Schreiber kamen hinzu, Telefone. Über Heard-Beys Büro stellte das Regierungstelex, das einzige in Abu Dhabi, den Kontakt zur Außenwelt her. Um den "Ruler's Court" entstand langsam eine Exekutive, eine Stadtverwaltung, eine Polizei. Strukturen eines Staats zeichneten sich ab. Der musste ja auf eigenen Beinen stehe, wenn die Briten 1971 die Region verlassen. Bahrein und Qatar, die damals weiterentwickelt waren, wollten nicht mit den sieben unterentwickelten Emiraten in einem Staat aufgehen. Diese gründeten daher unter der Führung des charismatischen Emirs von Abu Dhabi, Scheich Zayed Bin Sultan Al Nahyan, allein die "Vereinigten Arabischen Emirate" (VAE).

          Bereits ihre Gründung illustriert, wie stark die politische Entwicklung von Personen, nicht von Institutionen getrieben ist. Die ausgearbeitete Verfassung hätte in einen starken Zentralstaat münden müssen. Noch heute hat die Verfassung aber nicht die Bedeutung wie in anderen Staaten. Wichtiger sind die informellen Beziehungen. Scheich Zayed wollte die Herrscher der anderen Emirate nicht auf "Gouverneure" eines Zentralstaats reduzieren. Er beließ ihnen eine Eigenständigkeit und finanzierte die kleinen Emirate mit den Petrodollar aus Abu Dhabi. In dieser losen Föderation preschte Dubai vor, das selbst über etwas Erdöl verfügte und bereits vor 1971 eine prosperierende Hafenstadt war, und übernahm die Initiative zu einer Modernisierung, der das ungleich reichere Emirat Abu Dhabi mit Verzögerung folgte. Noch als Abu Dhabi, das auf einer Insel liegt, nur mühsam erreichbar war, hatte Dubai bereits mit Händlern und Banken eine vergleichsweise moderne Stadt hervorgebracht.

          Spätestens mit der Krise des Jahres 2009 übernahm Abu Dhabi die Führung. So zeigt das untere Umschlagbild, wie futuristisch sich die Planer die Stadt im Jahr 2030 vorstellen. Das obere Umschlagbild mit einer Szene aus dem Leben von Abu Dhabi wird dann 125 Jahre alt sein. Der Bogen des Buchs reicht aber weiter zurück. Frauke Heard-Bey zeichnet die Entwicklung kenntnisreich und auf der Grundlage eines unermesslich scheinenden Quellenreichtums nach. Wer sich über eine der dynamischsten Regionen der Welt vorurteilsfrei informieren will, dem steht endlich eine aktualisierte deutsche Ausgabe dieses Standardwerks zur Verfügung.

          RAINER HERMANN

          Frauke Heard-Bey: Die Vereinigten Arabischen Emirate zwischen Vorgestern und Übermorgen. Die Gesellschaft eines Golf-Staates im Wandel. Verlag Georg Olms, Hildesheim 2010, 603 Seiten, 29.80 Euro.

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