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Veröffentlicht: 25.05.2010, 12:00 Uhr

Die rote Greta

Widerstand gegen Hitler und Spionage für Stalin

Ein ziemlich elitärer Zirkel aus Kunst, Wissenschaft und Verwaltung wollte das "Dritte Reich" stürzen und den Opfern der Verfolgung, insbesondere den Juden, helfen - aber aus der zählebigen Sicht des NS-Terrorregimes handelte es sich lediglich um einen Spionagering, dem die Abwehr im besetzten Belgien den Namen "Rote Kapelle" gab (das "Konzert" der von Moskau aus dirigierten Funkstellen in Westeuropa). Einige "Musiker" übermittelten 1941/42 "Geheime Reichssachen" an die Sowjetunion, wie in den Jahren zuvor an die Vereinigten Staaten über Donald Heath, den Ersten Botschaftssekretär an der Botschaft in Berlin. Der pflegte enge Kontakte zu dem Nationalökonomen Arvid Harnack. Harnack gehörte dem Reichswirtschaftsministerium an, hatte in den zwanziger Jahren an der Universität Wisconsin studiert, dort seine Frau, die Amerikanerin Mildred Fish kennengelernt, aber auch die deutsche Studentin Greta Locke, die 1937 den (vor 1933 bekannten) Schriftsteller Adam Kuckhoff heiratete.

Die Kuckhoffs freundeten sich Mitte der dreißiger Jahre mit Harro Schulze-Boysen, Offizier im Reichsluftfahrtministerium, und seiner extravaganten Frau Libertas an, ebenso wie mit Sophie und John Sieg, dem in Detroit geborenen Sohn deutscher Einwanderer, der sich in den zwanziger Jahren in Deutschland niedergelassen und sich schriftstellerisch betätigt hatte, als KPD-Mitglied 1933 für mehrere Monate von der SA gequält und festgehalten worden war und bei der Reichsbahn unterkam. "Die vier Ehepaare, die biederen häuslichen Kuckhoffs, die intellektuellen Harnacks, die zur ,feinen Gesellschaft' gehörenden Schulze-Boysens und die proletarischen Siegs, trafen daher - in unterschiedlichen Konstellationen - immer wieder irgendwo in Berlin in einem Salon oder in einem Wohnzimmer aufeinander", schreibt die in New York lehrende Anne Nelson. Ihr einfühlsames Buch lenkt den Blick auf die widerständigen Frauen, vor allem auf Greta Kuckhoff, eine der wenigen Überlebenden der 1942 von der Gestapo aufgerollten "Roten Kapelle".

Als Harnack, Schulze-Boysen und Kuckhoff im ersten Halbjahr 1941 ihre Spionagetätigkeit intensivierten, wurden ihre Ehefrauen stärker "in die Sache einbezogen", auch als Kuriere. Die meisten von der "Roten Kapelle" hätten sich vor allem als Widerstandskämpfer verstanden, was "in keiner Weise den Idealvorstellungen der Sowjets entsprach . . . Der ideale Spion war ganz und gar auf diese eine Aufgabe konzentriert: Spionage betreiben." Schließlich flog die Gruppe nicht wegen wagemutiger Aktionen - vom Zettelkleben trotziger Texte über das Verstecken von Juden bis zur Störung des Schienenverkehrs - auf, sondern wegen der "Unbedachtheit und Inkompetenz" der Geheimdienstler in Moskau, die Namen und Adressen einiger Berliner Mitglieder in einem Funkspruch erwähnten, den die Abwehr entschlüsselte. Auch Greta Kuckhoff wurde vom Reichskriegsgericht unter Vorsitz von Manfred Roeder zum Tode verurteilt, dann wurde das Urteil aufgehoben und eine Zuchthausstrafe verhängt.

Von der Roten Armee im Mai 1945 aus der Haft befreit, trat Greta Kuckhoff dafür ein, dass Roeder wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden sollte; doch der stand als Informant unter dem Schutz des amerikanischen Geheimdienstes CIC. Auch übte sie im Radio Kritik an dem Buch "Germany's Underground" des OSS-Geheimdienstchefs Allen Dulles, weil er die "noblen Motive" der "Roten Kapelle" heruntergespielt habe. Sie lebte damals im amerikanischen Sektor von Berlin, arbeitete aber im sowjetischen. Bald zog sie um in eine Villa nach Pankow: "Im Osten hielt man den antifaschistischen Widerstand in Ehren, und die Überlebenden dieser Kreise wurden auch materiell reich belohnt." Und sie machte Karriere: 1950 Präsidentin der Deutschen Notenbank, aus der die Staatsbank der DDR hervorging. Ulbricht enthob sie 1958 des Postens, angeblich wegen ihrer Asthmaerkrankung.

Darstellungen über die "Rote Kapelle" in beiden Teilen Deutschlands verstörten sie, weil ihr weder die östliche Heroisierung vom kommunistischen Kundschafterdienst noch die westliche Verteufelung vom moralisch verkommenen und ideologisch verblendeten Landesverrat passte. Das alles bewog die DDR-Vorzeigefrau zu ihrem Lebensbericht "Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle", den Frau Nelson stark heranzieht, obwohl sie weiß, dass es eine problematische, auf SED-Linie gebrachte Quelle ist: "Es existieren Unterlagen, die erkennen lassen, welche Textstellen sie ändern musste; es lässt sich jedoch nicht erkennen, in welchem Maß sie Selbstzensur übte", schreibt sie und schätzt an ihrer 1981 verstorbenen Heldin das scharfe Urteil über die Zeit des Nationalsozialismus: "Für sie gehörten die Deutschen einer von zwei Kategorien an: der Kategorie derer, die etwas getan hatten, oder derer, die untätig geblieben waren."

RAINER BLASIUS

Anne Nelson: Die Rote Kapelle. Die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe. Aus dem Amerikanischen von Michael Müller. C. Bertelsmann Verlag, München 2010. 508 S., 24,95 [Euro].

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