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Die Mauer : Es war einmal ein Schutzwall

Das Gemälde „Bruderkuss” des russischen Malers Dimitrij Vrubel auf der Mauer der East Side Gallery in Berlin Bild: ddp

Hat die DDR mit dem Bau der Mauer einen Weltkrieg verhindert? Die ehemaligen Minister Keßler und Streletz stricken an einer Legende - und verhöhnen damit die Opfer.

          Zwei Veteranen der Nationalen Volksarmee reden die Zeit des „Schutzwalls“ schön und bringen viel Verständnis für Staats- und Parteichef Walter Ulbricht auf, vor allem aber für sich selbst. Der frühere Armeegeneral Heinz Keßler (Jahrgang 1920), von 1956 bis 1986 Stellvertretender Minister und anschließend bis 1989 Minister für Nationale Verteidigung, und Fritz Streletz (Jahrgang 1926), von 1979 bis 1989 Chef des Hauptstabes der NVA, attackieren in ihrem Greisen-Sturmlauf gegen das westlich-kapitalistische Geschichtsbild sogar die Linkspartei, die sich zu jedem Jahrestag des Mauerbaus „pflichtschuldig ihr Büßergewand“ überwerfe.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Dabei stehe fest, schreiben die beiden, dass nicht einmal Ulbricht eine „geistige Urheberschaft an der Mauer“ zukomme: „Die DDR wollte die Bombe Westberlin entschärfen, aber nicht unbedingt auf jene Weise, wie es am 13. August 1961 geschah.“ Damals hätten die „Machthaber Westdeutschlands und der USA“ zum Krieg gedrängt. Die Sowjetunion habe nur auf die „Rückkehr alter Nazis“, die forcierte Aufrüstung und den „massiven Antisowjetismus und Antikommunismus“ in der Bundesrepublik reagiert. Das alles klingt nach Original-Propaganda-Ton-Ost von vor fünfzig Jahren.

          In den Text eingestreute Fotos sollen die Bedeutung der Autoren hervorheben. Sie zeigen zwei Zwangszivilisten Ende 2010/Anfang 2011 zu Anlässen wie „Gedenkfeier anlässlich des 50. Jahrestages der Verleihung des Namens ,Volksmarine' an die Seestreitkräfte der DDR“, „Ehrendes Gedenken am 100. Geburtstag von Armeegeneral Heinz Hoffmann“, „Traditionelles Grenzertreffen“, „Übergabe einer Truppenfahne an den Traditionsverband Nationale Volksarmee“. Beklagt wird sich darüber, dass „die Angehörigen der NVA, welche doch angeblich mit der Bundeswehr vereinigt worden ist, ungleich schlechter behandelt werden als jemals Wehrmachtsangehörige durch die Bundesrepublik. Nach 40 Jahren hartem Dienst in der einzigen deutschen Friedensarmee erhält ein NVA-General weniger Rente als ein ehemaliger Hauptfeldwebel der Bundeswehr“.

          Als es noch ohne Mauer ging: Walter Ulbricht zwischen Nikita Chruschtschow und Otto Grotewohl (rechts) am 10. Juli 1958 auf dem V. Parteitag der SED in Ost-Berlin
          Als es noch ohne Mauer ging: Walter Ulbricht zwischen Nikita Chruschtschow und Otto Grotewohl (rechts) am 10. Juli 1958 auf dem V. Parteitag der SED in Ost-Berlin : Bild: dpa

          Zur eigenen Entlastung machen Keßler und Streletz darauf aufmerksam, dass die DDR-Grenzpolizei ursprünglich dem Minister des Innern und erst ab September 1961 dem Minister für Nationale Verteidigung unterstand - auf sowjetische Anordnung hin. Auch den „pioniermäßigen“ Ausbau der Grenze habe Moskau befohlen. Und der „Waffeneinsatz“ der „Grenztruppen“ an der Mauer habe nur „eine notwendige Konsequenz“ dargestellt. Wer eine Grenze befestige, müsse auch durchsetzen, dass sie von allen respektiert werde. So zitieren die Autoren aus einem Ulbricht-Interview von 1962: „Jeder Schuss an der Mauer ist zugleich ein Schuss auf mich. Damit liefere ich dem Klassenfeind die beste Propagandawaffe. Den Sozialismus und damit den Frieden aufs Spiel zu setzen, würde aber unendlich mehr Leben kosten.“ Es habe sich um eine „pragmatische, von den Umständen erzwungene Güterabwägung“ gehandelt. Überhaupt habe Ulbrichts Satz vom „Schuss auf mich“ für seine Nachfolger gegolten: „Und darum war unser Interesse objektiv darauf gerichtet, dass so wenig wie möglich an der Staatsgrenze die Schusswaffen zum Einsatz kamen. Jeder einzelne Zwischenfall war einer zu viel. Jeder Tote machte uns betroffen.“

          Angehörige der Todesopfer an der Mauer und viele Haftopfer des SED-Unrechtsregimes dürften sich von dem verbalen Schmutzschwall zwischen zwei Buchdeckeln verhöhnt fühlen.

          Heinz Keßler/Fritz Streletz: Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben. Zwei Zeitzeugen erinnern sich. edition ost, Berlin 2011. 224 Seiten, 12,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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