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: Der fremde Schröder

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Jürgen Hogrefe: Gerhard Schröder. Ein Porträt. Siedler Verlag, Berlin 2002. 224 Seiten, 19,90 [Euro].Reinhard Urschel: Gerhard Schröder. Eine Biographie. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München 2002. 400 Seiten, 22,- [Euro].Nur wenigen Politikern gelingt es, die Imaginationswelt einer großen Zahl von Menschen zu bevölkern.

          Jürgen Hogrefe: Gerhard Schröder. Ein Porträt. Siedler Verlag, Berlin 2002. 224 Seiten, 19,90 [Euro].

          Reinhard Urschel: Gerhard Schröder. Eine Biographie. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München 2002. 400 Seiten, 22,- [Euro].

          Nur wenigen Politikern gelingt es, die Imaginationswelt einer großen Zahl von Menschen zu bevölkern. Gerhard Stoltenberg, Erhard Eppler, Herta Däubler-Gmelin und Horst Seehofer haben es sicher nicht geschafft, und selbst medienwirksamen Gestalten wie Theo Waigel, Norbert Blüm, Otto Schily und sogar Gregor Gysi ist es nicht wirklich gelungen. Wer aber zu den Auserwählten zählt, der tritt in einer Hinsicht die Nachfolge der absoluten Herrscher an, die durch kein Plebiszit aus dem Amt zu entfernen waren: Eine zuweilen unersättliche Neugier heftet sich an ihre Gestalt, sie werden zu Auserwählt-Rätselhaften, deren Geheimnis, deren inneres Gesetz das Publikum so gern entschlüsselt sähe - sei es, um sich am letztlich doch Krethi-und-Plethihaften des Regenten zu laben, sei es, um teilzuhaben am Besonderen der Sphäre der Macht.

          Zu den wenigen, denen es ohne Zweifel gelungen ist, sich der Öffentlichkeit als wandelndes Rätsel zu geben, als einer, der immer neue Fragen nach dem Woher, Warum und Wie aufwirft, gehört ohne Zweifel Gerhard Schröder. Der einzige Kanzler der Bundesrepublik, der wirklich ein Emporkömmling ist und der lange Zeit mit dem proletenhaften Gestus gespielt hat - ausgerechnet er beschäftigt die Phantasie vieler, so als sei er ein monarchischer Regent.

          Wer ist er "wirklich"? Was will er "wirklich"? Was ist ihm ernst? Ist alles nur Spiel, nur Inszenierung? Ist er grausam, ist er treu, ist er prinzipienlos? Hat er sich seiner Partei, der SPD, so nüchtern bedient, wie der Reisende die Bundesbahn benutzt? Oder ist er doch ein wenig ergriffen, ein Nachfolger August Bebels zu sein? Lebt er aus dem Augenblick, gibt es bei ihm etwas Unverhandelbares? Der Mann, der die Deutschen jetzt schon im zweiten Turnus regiert und der sicher gewillt ist, aus der Gnade der zweiten Chance nun auch ein langes Regieren zu machen, hat offensichtlich etwas Faszinierendes - und doch ist er so unerkannt, als sei er ein flüchtiger Schatten.

          Weil das so ist, hat es viele gereizt, dem Mann auf die Schliche zu kommen. Zuletzt zwei Journalisten, vom "Spiegel" der eine, der "Ein Porträt" abgeliefert haben will, von der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" der andere, dem es um "Eine Biographie" zu tun war. Jürgen Hogrefe, der "Spiegel"-Mann, ist thesenstark, lustvoll begibt er sich aufs Meer grundsätzlich daherkommender Deutungen, die Überschriften seiner Kapitel haben etwas foucaulthaft Barsches oder Beziehungsreiches: "Macht", "Lachen", "Fußball", "Privat", "Auftritt". Reinhard Urschel, der Redakteur einer regionalen Zeitung, dem der Zufall der Geschichte früh einen späteren Kanzler vor die journalistische Flinte getrieben hat, ist ein solider Chronologe, der durchaus - wenn auch nicht immer erfolgreich - bemüht ist, seinen komplizenhaften Stolz zu bändigen. Er will ein solider Erzähler sein, der nicht wirklich einen Hehl daraus macht, daß seine über viele Jahre hinweg geführten Notizkladden in das Werk eingeflossen sind. Obgleich gelegentlich um Pointen und Gesten von Deutungshoheit bemüht, bleibt er doch bescheiden - seine Kapitelüberschriften lauten: "Von einem, der auszog", "Lehrjahre in Bonn", "Etappenziel Niedersachsen", "Niederlagen und Läuterungen" oder, fast schon wieder unnachahmlich, "Kanzler - und wie weiter?".

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