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: Der Brückenbauer

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KULTURPOLITIK. Außenseiter, in der Mehrzahl Gegner und Opfer des nationalsozialistischen Regimes, sollten nach 1949 das neue, republikanische Deutschland in den Hauptstädten der einstigen Feindmächte vertreten, denn dort galten die Diplomaten der "alten" Berliner Wilhelmstraße als unerwünschte Personen.

          KULTURPOLITIK. Außenseiter, in der Mehrzahl Gegner und Opfer des nationalsozialistischen Regimes, sollten nach 1949 das neue, republikanische Deutschland in den Hauptstädten der einstigen Feindmächte vertreten, denn dort galten die Diplomaten der "alten" Berliner Wilhelmstraße als unerwünschte Personen. Fast allen Außenseitern gemeinsam war jedoch, daß sie nach 1955 - als die Bundesrepublik Deutschland außenpolitisch souverän wurde - ihre Posten aufgeben mußten. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dieter Sattler, der langjährige Leiter der Kulturabteilung im Bonner Auswärtigen Amt und spätere Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom, dem Ulrike Stoll eine höchst lesenswerte Biographie gewidmet hat. Als Sproß einer Münchner Künstlerfamilie wuchs Sattler in unmittelbarer Nähe zu Architektur, Malerei, Musik und Theater auf - mit christlich-religiöser Distanz zum Nationalsozialismus. Die Jahre 1933 bis 1945 überlebte er weitgehend als selbständiger Architekt.

          Politisch unbelastet, katholisch und englischsprachig, fand Sattler schon bald nach Kriegsende eine Anstellung als "chief architect" bei der amerikanischen Militärregierung in München. 1947 wurde Sattler, der inzwischen der CSU beigetreten war, zum Staatssekretär für die Schönen Künste im bayerischen Kultusministerium berufen. 1951 lernte er Rudolf Salat, den Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt, kennen, der ihn für die Übernahme einer Auslandsvertretung empfahl. Auf diese Empfehlung ging die Personalabteilung in der Bonner Zentrale aber nicht ein. Statt dessen bot man ihm die Stelle des Kulturattachés bei der Botschaft Rom (Quirinal) an, die Sattler akzeptierte, obschon sie einen Rückschritt auf der Karriereleiter bedeutete. Die Aussicht auf eine vermittelnde Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen Kultur, Verwaltung und Außenpolitik reizte ihn jedoch. In den ersten Jahren standen die Rückgabeverhandlungen um die von den Alliierten in Italien beschlagnahmten deutschen Kultur- und Wissenschaftsinstitute im Vordergrund seiner Tätigkeit. Auf seine Anregung entstand unter anderem die "Deutsche Bibliotkek" in Rom, die später mit ihren Standbeinen Kulturprogramm und Sprachunterricht zum Modell wurde für die bundesdeutschen Kulturinstitute im Ausland.

          Nach seiner Berufung zum Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt im Jahr 1959 gelang es Sattler, wesentliche Teile der Kulturarbeit im Ausland auf die Goethe-Institute zu übertragen, die gleichsam zum weltweiten Träger deutscher Kultur wurden. Zentrales Motiv seiner beruflichen Tätigkeit war stets das Bemühen, auch gegen Widerstände im Amt, den kulturellen Sektor stärker in der auswärtigen Politik zu verankern. Als Sattler die Grenzen seiner Gestaltungsmöglichkeiten im Auswärtigen Amt erkannte, übernahm er 1966 den Posten des Botschafters am Heiligen Stuhl in Rom. Dort prägten mehr politische als kulturelle Themen seine diplomatisch-vermittelnde Tätigkeit, die durch seinen Tod am 9. November 1968 ein vorzeitiges Ende fand.

          Der Architekt Dieter Sattler war zunächst Brückenbauer zwischen Kultur, Verwaltung und Politik, schließlich einer der "Mehrzweckdiplomaten" im deutschen Auswärtigen Dienst: Künstler, Gelehrter und Politiker zugleich, wie ihm Außenminister von Brentano 1960 attestierte. Die vielseitige Persönlichkeit und der exzeptionelle Werdegang Sattlers stehen im Mittelpunkt des Buches - doch über das Biographische hinaus ist es Frau Stoll auch gelungen, das facettenreiche Spektrum zwischen Kultur, Politik und Diplomatie ebenso kritisch wie eindrucksvoll darzustellen. (Ulrike Stoll: Kulturpolitik als Beruf. Dieter Sattler [1906-1968] in München, Bonn und Rom. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2005. 594 Seiten, 88,- [Euro].)

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

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