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Das aktuelle Buch : Parteifeinde und ihr Landesseelsorger

  • -Aktualisiert am

Bild: Ivan Steiger

Guido Hitzes Dreibänder über die CDU an Rhein und Ruhr vor 1995 ist zwar etwas dick geraten. Doch er bietet alles, was man über die Vorgeschichte der Ära Rüttgers und Kraft wissen möchte.

          Das Ergebnis sind 3583 Seiten. Bei der Konrad-Adenauer-Stiftung durfte sich ein Mitarbeiter ein Jahrzehnt lang wissenschaftlich austoben. Den ursprünglichen Auftrag, eine Geschichte der nordrhein-westfälischen CDU zwischen 1980 und 1990 zu schreiben, dehnte Guido Hitze immer weiter aus. Dafür dankt er nun dem früheren „Hauptabteilungsleiter Wissenschaftliche Dienste", Günter Buchstab, der ihn „mit nie erlahmender Geduld und großem Interesse" bis Ende 2007 und länger gefördert und gefordert, „stets die notwendige wissenschaftliche Freiheit" garantiert habe.

          Seit Jahresbeginn liegt der Dreibänder vor. Doch zunächst unterblieb auf Intervention von KAS-Generalsekretär Thielen die Auslieferung mit Blick auf die Landtagswahl. Bereits vor Drucklegung hatte es nicht nur Meinungsverschiedenheiten über Opulenz und Qualität des Werks gegeben, sondern auch über den Buchtitel.

          Hitze gesteht ein, dass „Verlorene Jahre" vielleicht zu negativ, zu wenig neutral klinge, aber die „Seele" seiner Studie zum Ausdruck bringe. Hitze befragte 60 Zeitzeugen, wertete Partei- und Landtagsschriftgut, Nachlässe und das Depositum Biedenkopf aus, aber auch Presse, Funk und Regionalfernsehen. Auf eine Erschließung des abschreckenden Riesentextes durch ein Sachregister wurde verzichtet. Stattdessen gibt es auf den Seiten „lebende" Kolumnentitel, die inhaltliche Anhaltspunkte bieten.

          Rau gegen Köppler, Biedenkopf, Worms, Blüm und Linssen

          Herausragende Gestalt in Düsseldorf war damals Johannes Rau, erst Minister und seit 1978 Ministerpräsident. Er holte 1980, 1985 und 1990 bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit der Mandate für die SPD, bis er 1995 mit den Grünen koalieren musste. Während dieser Phase scheiterten die CDU-Herausforderer Heinrich Köppler (1975), Kurt Biedenkopf (1980), Bernhard Worms (1985), Norbert Blüm (1990) und Helmut Linssen (1995).

          Kurt Biedenkopf und Helmut Kohl 1986 in Düsseldorf

          Den Gründen dafür geht Hitze nach, am präzisesten in dem Kapitel „Ein scheinbar übermächtiger Gegner: Der Ministerpräsident, die SPD und das ,System Rau'". Demnach waren die Substanz der Reden und der Ertrag des Regierungshandelns nicht so strahlend, „als dass Rau objektiv ,unangreifbar' geworden wäre". Das Geheimnis seines Erfolgs liege darin, „von großen Teilen der Bevölkerung, aber auch der veröffentlichten Meinung nur selektiv rezipiert zu werden". Klischees vom „Bruder Johannes" und vom „guten Menschen von Wuppertal" hätten den Machtmenschen vergessen lassen, der „bei Attacken auf den politischen Gegner keineswegs zimperlich" gewesen sei.

          Norbert Blüm 1976 im Bundestag

          Seinem Erfolgsprinzip „Führung durch Integration", schreibt Hitze, habe sich die CDU nicht entziehen können, weil Rau die Gabe besaß, „interne Kontrahenten und Konkurrenten ohne sichtbare Beschädigungen und Verletzungen an sich zu binden sowie die Sozialdemokraten als weitgehend geschlossene Formation in Erscheinung treten zu lassen". Zudem übte er direkten Einfluss auf das Innenleben der Opposition aus. Als Hitze 2002 den damaligen Bundespräsidenten Rau befragte, scherzte der, etliche seiner „CDU-Kollegen" hätten in ihm eine Art „Parlamentsseelsorger" erblickt.

          Die Rhein-Ruhr-CDU sei nie zu einer kohärenten Einstellung gegenüber dem Ministerpräsidenten gelangt. Außerdem hätten sich seit Anfang der achtziger Jahre Strukturen herausgebildet, die zum SPD-Machterhalt beitrugen - an erster Stelle die „symbiotische Verbindung" von Johannes Rau mit Friedel Neuber, dem langjährigen Chef der Westdeutschen Landesbank.

          Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) 1996 in der Staatskanzlei in Düsseldorf

          Neuber war Gründer des „Investmentclubs 72", kurz „IC 72". Zu den Gründungsgesellschaftern „zählten zunächst parteiübergreifend regionale Sparkassendirektoren, später kamen Oberstadtdirektoren bzw. Bürgermeister mit rotem und schwarzem Parteibuch, Vorstandschefs, Journalisten und schließlich Kabinettsmitglieder sowie führende Vertreter der Landtagsfraktionen hinzu". Neuber und die Landesregierung hätten prominente CDU-Politiker des „IC 72" aus parlamentarischen Funktionen „herausgekauft" durch lukrative Posten, was Raus Überzeugung entsprochen habe, dass der Staat „nicht zur Beute einer Partei werden" dürfe.

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