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Biographie: Berthold Beitz : Fast überall in der Welt zu Hause

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Berthold Beitz Bild: dpa

Er rettete vielen jüdischen Arbeitern das Leben und war später die rechte Hand von Alfred Krupp. In einer asymmetrischen Biographie über Berthold Beitz kommt der Held vor allem selbst zu Wort.

          Fast 60 Jahre ist uns das Bild von Berthold Beitz vertraut - als sportlich-strahlende Erscheinung in den Medien, als schillernde Figur zwischen Wirtschaft und Politik und als Repräsentant des Krupp-Konzerns und seiner wechselhaften Nachkriegsgeschichte. Die umfangreiche Biographie will dieses Leben weniger in kritischer Distanz präsentieren als den Helden selbst zu Wort kommen lassen. Beitz ist auch hier die handelnde Person, die in vielen Interviews dem Autor die Richtung gewiesen hat. Das Vorwort von Helmut Schmidt soll die Gewichtigkeit des Werkes noch betonen.

          Die Biographie wirkt irgendwie asymmetrisch. Für die längste Zeit erscheint sie wie eine Karriere aus dem Bilderbuch, aber es gibt eine einmalige Abweichung. Als Sohn eines mittleren Beamten in Pommern aufgewachsen, nach Abitur und Banklehre bei Shell in Hamburg gelandet, fühlte er sich von den Nationalsozialisten nicht angesprochen und zeigte mehr Engagement für Sport und Jazz. Der Kriegsbeginn 1939 warf ihn aus der vorgezeichneten Normalität. Seine Firma stellte ihn für den Einsatz in der Ölindustrie Galiziens ab. Nach Beginn des Russland-Feldzuges fiel auch der wichtigere Teil der Ölfelder in deutsche Hand. Beitz wurde in Boryslaw, dem Zentrum der galizischen Ölindustrie, als kaufmännischer Direktor „der faktische Chef“. In Galizien lernte er Mord und Vernichtung von allen Seiten kennen: die Massengräber der von der NKWD ermordeten Häftlinge, die Opfer der mörderischen Pogrome der Ukrainer an der starken jüdischen Minderheit und die seit 1941 an Intensität zunehmenden Mordaktionen der SS.

          Beitz richtete für die jüdischen Arbeiter ein eigenes Lager ein und sorgte damit für Schutz und Versorgung. Sein Haus wurde „eine Insel der Menschlichkeit“, denn schnell hatte sich herumgesprochen, dass er Juden half, ihnen Arbeitsgelegenheiten verschaffte und sie mit Lebensmitteln versorgte. Von seiner Frau wurde er dabei tatkräftig unterstützt. Die Berichte geretteter Juden sind eindrucksvolle Zeugnisse seiner unglaublichen Hilfsbereitschaft.

          Überall zu Hause: Berthold Beitz am 24. September 2009 zwischen dem Direktor des Folkwang-Museums in Essen, Hartwig Fischer (rechts), und Essens Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger

          Seine Stellung in diesem Dschungel des Grauens war einzigartig. Als Zivilist, der ein wirtschaftliches Unternehmen führte, überzeugte er SS-Offiziere, dass er festgenommene Juden im Interesse der Kriegführung unbedingt benötigte und sie tatsächlich freibekam. Er war eine Autorität mit starkem Durchsetzungsvermögen. Er berief sich stets auf seine Beziehungen zum Oberkommando des Heeres (OKH), die jedoch nur dadurch wirkten, dass er sie so überzeugend vortrug.

          Als im August 1942 eine großangelegte Razzia durchgeführt wurde, um die Juden in die Vernichtungslager zu transportieren, zeigte er unglaubliche Kaltblütigkeit, drängte sich durch die Absperrungen und holte 220 seiner Ölarbeiter und solche, die sich dafür ausgaben, noch aus dem Zug. Eine solche Rettungsaktion war nicht ohne Risiko. Die Gestapo lud ihn vor, aber Beitz hatte Glück. Der vernehmende Beamte war ein Freund aus Greifswalder Tagen, der die Denunziation unschädlich machte. Auch das gehört zum Leben von Beitz, es ist reich an Zufällen.

          Die Begegnung mit Alfred Krupp

          Die entscheidende Wende in der Nachkriegszeit brachte die Begegnung mit Alfried Krupp, der ihn 1953 zu seinem Generalbevollmächtigen ernannte. Er wurde eine Art Mittler zwischen dem Konzern und seinem Eigentümer. Denn dieser menschenscheue Einzelgänger fühlte sich nicht als Unternehmer mit großen Zielen, sondern war bestrebt, durch eine ausgeprägt soziale Haltung der Tradition seines Namens gerecht zu werden. Beitz wurde sein Alter Ego, der auf Krupps Vorstellungen loyal einging und sich auch später in der Krupp-Stiftung stets auf sie berief.

          In politischer Hinsicht erscheint Beitz als strikter Gegner des Bundeskanzlers Konrad Adenauer und der ihm angedichteten Restauration. „Verlässliche Feinde“ waren Thyssen-Chef Sohl und BDI-Präsident Berg, denen gleich noch eine Nazivergangenheit angehängt wird. Adenauers Staatssekretär Hans Globke wird zur „peinlichsten und umstrittensten Besetzung im Kabinett Adenauers“ - für Beitz nichts anderes als „ein alter Nazi“, ein Fehlurteil, dem sich Käppner mit unerschütterlichem Vorurteil anschließt.

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