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: Bild der Dummheit

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ERICH HONECKER war 1980 auf dem Höhepunkt seiner Macht. Damals erschien in einem der Verlage von Robert Maxwell die Autobiographie des ersten Mannes in der SED. Das Buch kam in einer Reihe "Führer der Welt" heraus, was Honeckers Eitelkeit geschmeichelt haben dürfte. Die Ausgabe in der DDR besorgte der für alle SED-Parteischriften zuständige Berliner Dietz-Verlag.

          ERICH HONECKER war 1980 auf dem Höhepunkt seiner Macht. Damals erschien in einem der Verlage von Robert Maxwell die Autobiographie des ersten Mannes in der SED. Das Buch kam in einer Reihe "Führer der Welt" heraus, was Honeckers Eitelkeit geschmeichelt haben dürfte. Die Ausgabe in der DDR besorgte der für alle SED-Parteischriften zuständige Berliner Dietz-Verlag. Honeckers Autobiographie hatte mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Die Intrige etwa, mit der er 1971 Walter Ulbricht entmachtet und sich an die Spitze der Partei gesetzt hatte, ist aus folgendem harmlosen Satz nicht herauszulesen: "Auf der 16. Tagung am 3. Mai 1971 wählte mich das Zentralkomitee der SED einstimmig zu seinem Ersten Sekretär." Dennoch galt "Aus meinem Leben" fortan als offizielle SED-Geschichtsschreibung. Das macht das Buch noch heute zu einer Quelle. Auch der Journalist Ulrich Völklein greift häufig darauf zurück. Seine aktuelle Honecker-Biographie und "Aus meinem Leben" von 1980 haben nicht nur den Gegenstand gemeinsam. Es ist beiden Büchern nicht zu entnehmen, was für ein Mensch Honecker war. In "Aus meinem Leben" war das Absicht. Für den ersten Mann in der SED und seinen Apparat war es eine politische Aufgabe, ein zwar nicht wahres, aber schönes Porträt Honeckers zu zeichnen und den Sozialismus der DDR in den hellsten Farben, einschließlich der Fotos, zu malen. Völklein jedoch hat offenbar nach all seinen Recherchen kein Bild von Honecker gewonnen. Oder ist über Honecker schon alles gesagt, wenn man ihn als eine flache, geistig nicht besonders rege Persönlichkeit darstellt? Vieles spricht dafür. Aber kann tatsächlich Dummheit einen Staat oder eine Art Staat, wie es die DDR war, regieren? Statt seinem Porträt etwas Erzählerisches zu geben und auf diese indirekte Weise dem unnahbaren Honecker näher zu kommen, hat Völklein seine Kraft auf Nebenschauplätzen vergeudet. Er schreibt viel zu ausführlich über die politische Situation im Saarland zur Zeit von Honeckers Geburt. Er vergleicht, für den Leser nur schwer nachvollziehbar, in einem Exkurs Herbert Wehner und Honecker. Er widmet sich zu ausführlich Walter Ulbricht, der auch bei ihm wie in anderen Veröffentlichungen zuvor auf einmal zu einem Reformer wird. Schließlich fühlt Völklein sich gedrängt, nachzuweisen, daß Kanzler Kohl keinen Anteil an der deutschen Einheit habe. Da wird es polemisch, und das nimmt dem Buch die Seriosität. (Ulrich Völklein: Honecker. Eine Biographie, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003. 468 Seiten, 12,50 [Euro].)

          F.P.

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