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: Beschränkte Sicht

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Geschichte und Selbstverständnis der studentischen Korporationen beschäftigen die historische Wissenschaft seit langem. Die Perspektive, die an das auf den mitteleuropäisch-deutschen Raum beschränkte Phänomen angelegt wurde, folgte einer dreifachen Fragestellung: einer politischen, einer sozialhistorischen und einer bildungsgeschichtlichen.

          Geschichte und Selbstverständnis der studentischen Korporationen beschäftigen die historische Wissenschaft seit langem. Die Perspektive, die an das auf den mitteleuropäisch-deutschen Raum beschränkte Phänomen angelegt wurde, folgte einer dreifachen Fragestellung: einer politischen, einer sozialhistorischen und einer bildungsgeschichtlichen. Politisch waren die Korporationen, seit der Gründung der Burschenschaft im Gefolge der Napoleonischen Kriege, stets ein gegenwärtiger, die Entwicklung vorwärtstreibender Teil der bürgerlichen Nationalbewegung. Sie propagierten die national-deutsche Ideologie, sie schufen deren Symbole, sie kultivierten die einheitsstiftenden Rituale, und sie hatten einen beträchtlichen Anteil daran, wenn der alte Reichspatriotismus vom neuen, imperialen Gestus der Weltmachtattitüde abgelöst wurde.

          Unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten wurde zweitens das integrative Binnengeflecht der korporativen Milieus thematisiert: ihr vom Männlichkeitskult dominiertes Erziehungs- und Ertüchtigungsritual, geprägt von Ehre, Satisfaktion, Trinkspielen, Waffengebrauch und Wehrertüchtigung; ihre Netzwerke und Altherrenschaften, die für Karrierechancen, materielle Versorgung und Elitenrekrutierung sorgten; das Beharrungsvermögen der fossilen Initiationsrituale in einer modernen Konsum- und Zivilgesellschaft, die von Privatheit der Freundschaftspflege, vom Wandel der Geschlechterbeziehungen und vom individuellen Leistungsprinzip her bestimmt ist.

          Schließlich wurde drittens nach dem Zusammenhang zwischen der mitteleuropäischen Universitätstradition und dem korporativen Geselligkeitsbedürfnis gefragt. Im Gegensatz zur angelsächsischen Welt und deren College-Tradition, die sich als sozialintegrative Institution definiert und bis heute eine umfassende Erziehungsfunktion ausübt, war die Universität im deutschsprachigen Raum stets von sozialer Abstinenz geprägt. Hier standen und stehen die fachliche Ausbildung und ein abstrakter Wissenschaftsgeist im Vordergrund, der weder auf Persönlichkeitsentwicklung noch auf Loyalitätsbindung der Eleven setzt. Die Korporationen füllten diese humboldtsche Lücke - und die Studentenverbindungen gedeihen bis heute in diesem Vakuum, das aus dem brachliegenden Verlangen nach studentischem Gruppengeist und aus der Anonymität des Lehrbetriebs erwächst.

          Gerhard Hartmanns voluminöses Werk über die Geschichte und das Wirken des Cartellverbandes der katholischen, nichtschlagenden, farbentragenden Studentenverbindungen in der Habsburger Monarchie und in Österreich geht diesen Fragestellungen nicht nach. Ein Grund hierfür mag sein, daß Hartmann, ein durch einschlägige Veröffentlichungen ausgewiesener Kenner der Materie und Privatdozent für Neuere Kirchengeschichte an der Grazer Universität, die gesamte bundesdeutsche Literatur zu seinem Thema ausblendet. Außerdem argumentiert Hartmann als CV-Mitglied sozusagen pro domo, das heißt aus der Binnensicht des Kartellverbandes. Entstanden ist ein chronologisch aufgebautes, die Geschichte des CV unter Auswertung der einschlägigen Archivalien detailliert in 43 Kapiteln nachzeichnendes Kompendium lexikalischen Zuschnitts, ausgestattet mit zahlreichen Tabellen und Anhängen, deren Sinn vor allem darin besteht, die Bedeutung der CV-Mitglieder in Politik und Gesellschaft Österreichs hervorzuheben.

          Ausgehend von den beiden Wurzeln des CV, der Entstehung der Corps und Burschenschaften im Vormärz sowie der Herausbildung des katholischen Verbandsmilieus, beschreibt Hartmann die Gründung des CV, seine Prinzipien (Katholizität, Wissenschaftlichkeit, Lebensfreundschaft, Vaterlandsliebe) und verfolgt, anhand der wichtigsten Auseinandersetzungen wie der sogenannten "Affäre Wahrmund" von 1907/08, die Geschichte des CV in der Monarchie bis zum Ersten Weltkrieg. Ein zweiter Teil thematisiert die Zwischenkriegszeit, in der die Bundeskanzler der Ersten Republik, unter ihnen Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, als CV-Mitglieder das verkörperten, was bis heute als Legitimitätsgrundlage des Verbandes gilt: den Widerstand gegen die Vereinnahmung und Gleichschaltung durch das nationalsozialistische Deutschland. Es war nur konsequent, wenn sich die österreichischen Studentenvertretungen am 10. Juli 1933 vom reichsdeutschen CV separierten und fortan die Republik Österreich als von Deutschland unabhängige Nation propagierten. Ein dritter Abschnitt ist der Entwicklung des CV von der "Stunde Null" im Jahre 1945 bis zur Jahrtausendwende gewidmet. Hartmann verortet hier die Bedeutung des CV in der reformierten Universitätslandschaft, er beleuchtet das gewandelte Verhältnis zum Verbandskatholizismus, und er verweist auf zahlreiche personelle wie programmatische Verbindungen zwischen CV und ÖVP.

          Ohne Zweifel handelt es sich um eine gewichtige, die Geschichte des österreichischen CV erschöpfend darstellende Arbeit, die jedoch durch ihre kleinräumige Binnengliederung eher dem Typus eines Nachschlagewerks entspricht als dem einer wissenschaftlich abgewogenen, mit distanzierten Urteilen aufwartenden Analyse.

          RAINER F. SCHMIDT.

          Gerhard Hartmann: Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Lahn Verlag, Kevelaer 2006. 821 S., 34,90 [Euro].

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