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: Aufruhr im Junkerland

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Der spanische Romanautor Rafael Chirbes kommentierte den Prozeß des Schreibens einmal mit den Worten: "Ein mitfühlender Erzähler hat immer etwas von einer Hure. Mit jedem, auf den er sich einläßt, muß er intim werden." Patrick Wagner hat sich auf die Junker eingelassen und dabei versucht, seine Unschuld zu bewahren.

          Der spanische Romanautor Rafael Chirbes kommentierte den Prozeß des Schreibens einmal mit den Worten: "Ein mitfühlender Erzähler hat immer etwas von einer Hure. Mit jedem, auf den er sich einläßt, muß er intim werden." Patrick Wagner hat sich auf die Junker eingelassen und dabei versucht, seine Unschuld zu bewahren. Dies ist insofern eine beachtenswerte Leistung, da es sich um stark vermintes Terrain handelt. Spätestens seit Max Weber und Hugo Preuß wissen wir, daß die Junker ein deutsches Unglück sind. Im 19. Jahrhundert trugen sie unter anderem dazu bei, daß es - anders als zum Beispiel in Großbritannien - zu keiner composite élite aus Großbürgertum und Adel kam. Zeitgenossen, und zwar bürgerliche Liberale wie Marxisten, waren sich ausnahmsweise einig, wenn sie die Junker als Verhinderer von Fortschritt und Demokratie angriffen. "Simplicissimus" und "Kladderadatsch" karikierten unermüdlich den bulligen Junker und seinen Cousin, den schneidigen Offizier, die sich in ständiger Geldnot befanden. Junker galten als stark bildungsferne Gruppe, wahre Kunstbanausen, die fernab bürgerlicher Hochkultur Tizian für ein Pferd und das Wort Immatrikulation für einen jüdischen Feiertag hielten.

          Auch im 20. Jahrhundert änderte sich kaum etwas an diesem Verdikt. Bis vor wenigen Jahren fand der Adel geringe Beachtung in der deutschen Geschichtswissenschaft und galt als absteigende Sozialformation, die anders als das Bürgertum kaum einen entscheidenden sozialgeschichtlichen Schlüssel zu den Wendepunkten der neueren deutschen Geschichte darstellte. Nur bei der Rolle der Junker wurde regelmäßig eine Ausnahme gemacht: Keine andere Machtelite - so Heinrich August Winkler - habe "so früh, so aktiv und so erfolgreich an der Zerstörung der Weimarer Demokratie gearbeitet wie das ostelbische Junkertum".

          Der deutsche Sonderweg galt demnach immer auch als Junkerweg. Es war folglich konsequent, daß Hagen Schulze und Heinz Reif eines der beliebtesten deutsche Haßobjekte im ersten Band der "Deutschen Erinnerungsorte" behandelten. Hier wurden auch die revisionistischen Arbeiten über die Junker in den Blickwinkel genommen, sowohl die neoborussische Geschichtsschreibung wie auch die adeligen Entsagungsmemoiren nach 1945. Eine junkerliche Autobiographiewelle hatte es schon in den zwanziger Jahren gegeben, und Werke dieser Art bildeten die Vorlage von Romanen wie Günther de Bruyns glorifizierender "Finckensteinsaga". Sie mag gute Literatur auf den Spuren Fontanes sein, gute Geschichtsschreibung war sie nicht.

          Ein Schwelgen in langen Sommerabenden in Pommerland brachte Historiker kaum weiter. Für ein korrektes Junkerbild verlangte es in erster Linie nach einer größeren empirischen Basis. Und Patrick Wagner, der fern von den alten ideologischen Kämpfen steht, bietet jetzt einen wichtigen Beitrag. Seine Herangehensweise ist erfrischend nüchtern, sein Ziel klar definiert. Er möchte nicht die Rolle der Junker in den Parlamenten, im Militär und am Hof untersuchen, wo ihre Macht fest institutionalisiert blieb. Diese Aspekte haben in jüngster Zeit Stephan Malinowski und Eckart Conze beleuchtet. Wagner will vielmehr wissen, inwieweit die Gruppe der Junker im 19. Jahrhundert tatsächlich noch lokale Macht besaß.

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