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Veröffentlicht: 06.05.2009, 12:00 Uhr

Adolf der Vertragstreue

Gerd Schultze-Rhonhofs trüber Blick auf das Münchener Abkommen von 1938

In der im Oktober 1918 ausgerufenen tschechoslowakischen Republik fand das Vielvölkergebilde der Habsburgermonarchie seinen adäquaten Nachfolger. Sie umfasste die Industrieregionen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien sowie die rückständigen Gebiete der Slowakei und der Karpatho-Ukraine. Das bei der Pariser Friedenskonferenz ein Jahr später offiziell aus der Taufe gehobene Staatsgebilde war damit genau das, was die Siegermächte des Ersten Weltkriegs nach der Maxime des Selbstbestimmungsrechts hatten vermeiden wollen. Es war ein bunt zusammengestückelter Nationalitätenstaat.

Von seinen rund 14 Millionen Einwohnern waren 6,7 Millionen Tschechen, denen eine Mehrheit von Minderheiten gegenüberstand: 2 Millionen Slowaken, 734000 Ungarn, 75000 Polen, 453000 Ruthenen, 180000 Juden und vor allem mehr als 3,1 Millionen Sudetendeutsche. Diese sprachen sich 1919 für die Angliederung an Deutschösterreich aus, das sich seinerseits zum "Bestandteil der deutschen Republik" erklärt hatte. Die Demonstrationen der Sudetendeutschen wurden im März 1919 von tschechischen Truppen gewaltsam aufgelöst und zusammengeschossen.

Seitdem herrschte ein scharfer Gegensatz zwischen den in einem zusammenhängenden Siedlungsgebiet wohnenden und eine kompakte Volksgruppe bildenden Sudetendeutschen und Prag. Die Konfrontation wurde unter dem Gründungspräsidenten Thomas Masaryk und dessen Außenminister und Nachfolger Edvard Benes weiter angeheizt. Dafür sorgten die im Februar 1920 von einer provisorischen Nationalversammlung verabschiedete zentralistische Gesamtstaatsverfassung, die Errichtung sogenannter "Tschechenschulen" in den Minderheitengebieten, ausgedehnte Landenteignungen zu Lasten der Sudetendeutschen und Ungarn sowie die Ansiedlung von Tschechen und Slowaken in den Grenzregionen. Grundlage hierfür war die außenpolitische Absicherung des Staates durch potente Schutzmächte.

Seit 1924 war die Tschechoslowakei Mitglied der "kleinen Entente" und damit in das antideutsche französische Paktsystem einbezogen; und seit 1935 war sie in einer Defensivallianz mit der Sowjetunion verbündet. Da die Tschechoslowakei geographisch weit in deutsches Gebiet hineinragte, bedeutete dies, dass sie für Luftangriffe von eminenter strategischer Bedeutung war. Herbert Hoover, der spätere Präsident und Mitglied der amerikanischen Verhandlungsdelegation in Versailles, brachte dies sowie das Bestreben Frankreichs, so viele Deutsche wie nur möglich zur Tschechoslowakei zu schlagen, um einen Keil zwischen Berlin und Prag zu treiben, auf die einprägsame Formel: "Sie machten aus dieser Nation einen Dolch, der auf die deutsche Flanke gerichtet war."

Die Bühne für das deutsch-tschechische Drama, das den Staat binnen zwei Jahrzehnten von der Landkarte tilgte, war bereitet. Gerd Schultze-Rhonhof, ein pensionierter Generalmajor der Bundeswehr, dessen Buch zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs ("1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte") harsche Kritik erntete, versucht sich hier auf einem neuen Feld. In drei einführenden, die historischen Tatsachen reflektierenden Kapiteln tastet er sich an den eigentlichen Gegenstand seiner Untersuchung heran: die Jahre vor der Münchener Konferenz, als die Integration der Sudetendeutschen gescheitert war und Hitler den Staat mit ihrer Hilfe aufsprengen wollte.

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