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: Abschied in Bitterkeit

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In der DDR waren die Vorsitzenden der vier Blockparteien zugleich stellvertretende Staatsratsvorsitzende, also Vertreter Honeckers in der Staatsführung. Tatsächlich war ihr Einfluss gering, denn die Macht lag bei der SED. In der kritischen Phase des Herbstes 1989 jedoch, als sich nach Honeckers Rücktritt ...

          In der DDR waren die Vorsitzenden der vier Blockparteien zugleich stellvertretende Staatsratsvorsitzende, also Vertreter Honeckers in der Staatsführung. Tatsächlich war ihr Einfluss gering, denn die Macht lag bei der SED. In der kritischen Phase des Herbstes 1989 jedoch, als sich nach Honeckers Rücktritt ein Machtvakuum abzeichnete, gelangte der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach für einen kurzen Moment in eine Schlüsselposition. Als persönlich integrer Liberaler schien er der richtige Mann für einen Übergang der DDR zu Demokratie und Marktwirtschaft zu sein. Interviews in Ost und West waren an der Tagesordnung, Gerlach spielte seine Rolle gut. Aber es waren nur kurze Träume.

          Autor Manfred Bogisch war langjähriger Mitarbeiter Gerlachs und seines Amtsnachfolgers Rainer Ortleb; heute ist er Vorstandsvorsitzender der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bogisch umreißt die Geschichte der LDPD seit Anfang der achtziger Jahre und stellt besonders eine von ihm so gesehene Absonderung seiner Partei von der SED heraus. Er zitiert Texte und Reden Gerlachs, die das Bemühen um Eigenständigkeit zeigen sollen. Besonders die Entwicklung seit Oktober 1989 wird in viele Verästelungen hinein verfolgt. In einer seltsamen Mischung aus Selbstkritik, Apologetik und Polemik gegenüber der Bundesrepublik wird dabei das Ende der Liberalen nach dem Wahldebakel vom März 1990 beschrieben. Gerlach hielt fast bis zum Schluss an der Vorherrschaft der Arbeiterklasse und am Bündnis mit einer stark zu reformierenden SED fest. Dass die Partei nicht glaubwürdig für eine neue Politik stand, beweist die konsequente Ablehnung seitens der neuen Bürgerrechtsbewegungen. Alle vier Parteien, auch die LDPD, waren zu diskreditiert, um glaubhaft für Neues zu stehen.

          Bei der Schilderung des bitteren Endes wird der Autor polemisch. Über die westliche Schwesterpartei heißt es: "Wie einst christliche Missionare im Land der Heiden fühlten sich FDP-Politiker als Verkünder der allein seligmachenden politischen Kultur des Liberalismus bundesdeutschen Zuschnitts." Und an anderer Stelle über die Verhandlungen zum Einigungsvertrag: "Das Stichwort ,unsere Werteordnung' aus westdeutschem Munde war so disziplinierend wie einst die Formel von der führenden Partei der Arbeiterklasse in den Beschlüssen der SED." Gleichwohl bringt die bitter-polemische Gemengelage viele interessante Interna aus einem taumelnden Staat. So gab es bei ungeduldigen Beitrittswilligen in der DDR die Ankündigung, notfalls könnten auch einzelne DDR-Regionen schon von sich aus dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten. Die von der CSU unterstützte kurzlebige DSU machte den Vorschlag, Artikel 23 des Grundgesetzes unverändert beizubehalten, da nicht ausgeschlossen werden könne, dass "in geschichtlicher Zukunft" auch Österreich dem Geltungsbereich des GG beitreten könne. Die LDPD schließlich warf das zweite "D" im Namen über Bord, um so die "Befreiung" von der SED-Herrschaft zu dokumentieren.

          DIRK KLOSE

          Manfred Bogisch: Die LDPD und das Ende der DDR. Karl Dietz Verlag, Berlin 2009. 175 S., 19,90 [Euro].

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