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Politevolution Kanzlerchamäleon

Survival of the fittest? Im Kampf ums Überleben ihrer Partei geht Angela Merkel jetzt einen besonders raffinierten Weg: Den der optimalen Anpassung - an die SPD.

Jene Parteien, die man früher einfach die rechten nannte, gehören längst auf die Liste der bedrohten Arten. Ihre schönen alten Themen wie Nationalstolz, Heldenverehrung, Frömmigkeit und sozialer Konservatismus ziehen nicht mehr so richtig. Bleibt der Neoliberalismus, aber der schafft ja eigentlich alles ab, worum es den Konservativen mal ging, der flexible Mensch kennt keine Familie, Religion und Heimat. In verschiedenen Ländern finden die Politiker dieser Richtung die unterschiedlichsten Antworten: In den Vereinigten Staaten reiten sie - wie wir gestern an dieser Stelle lesen konnten - gegen die Wissenschaft und eine von Fakten regierte Welt. In Frankreich offenbarte der Zoff zwischen rivalisierenden Kandidaten um den Vorsitz der konservativen Oppositionspartei eine andere Strategie, dort folgt man mit Urnenfälschung, Einschüchterung und einer irregulierten Bargeldwirtschaft mehr dem sizilianischen Kurs der Machterlangung und -erhaltung.

Nils Minkmar Folgen:  

In Deutschland ist das nun wieder ganz anders, das machte die gestrige Rede der Bundeskanzlerin in der Haushaltsdebatte deutlich: Den hehren Wert der Solidarität beschwor sie gleich am Anfang, stellte dann fest, wie wichtig es sei, dass die Jugendarbeitslosigkeit gesunken ist, freute sich über die verbesserte Eingliederung von Migranten ins deutsche Bildungssystem, um dann die Vermehrung der Plätze der Kindertagesstätten zu feiern. Es fehlten eigentlich nur ein Willy-Brandt-Zitat und eine Zigarette, dann hätte Merkels Rede jeden SPD-Parteitag eröffnen können, jedenfalls der Vor-Agenda-Zeit.

Ein Traum von Klaus Staeck

Typisch für das sozialdemokratische Weltbild ist ja auch diese existentielle Angestrengtheit, der Rekurs auf Camus und dessen Sisyphustext. Und auch damit kam Merkel: Sehnsucht nach einem raschen Ende der Krise, die werde sich nicht erfüllen, was bietet sie an: Arbeit natürlich, harte Arbeit für die Zukunft der Menschen. Statt von Vaterland, Pflichtgefühl und Ehre zu schwärmen, wählte sie Umgangssprache, gemischt mit englischen Technokratenbegriffen, das ist das Deutsch der Betriebsräte. Die ganze Rede klang wie aus einem Traum von Klaus Staeck nach einem Wahlkampfabschluss von Johannes Rau in der Dortmunder Westfalenhalle! Zu erwarten ist nun eine Anpassung an den Geschmack der Grünen, milieutypische Floskeln wie „ich sag mal“ hat sie schon drauf. Wenn sie ihre Mehrheit verliert, nimmt sie eben die der anderen. Kanzlerinnenstabilität ist schließlich auch ein konservativer Wert.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.11.2012, 16:22 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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