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"Poetry and Politics" Dem folgt amerikanischer Gesang

05.05.2003 ·  In New Hampshire diskutierten amerikanische Staatsdichter über Poesie und Politik. Der zu erwartende Protest blieb aus. Unterm Strich war man sich einig: Amerikas Poeten sind keine Rebellen.

Von Friederich Mielke
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Eigentlich hätte man Protest und Aufschrei erwarten dürfen. Nachdem die First Lady Laura Bush Amerikas Dichter erst ein- und dann ausgeladen hatte, die Anthologie "Poets Against the War" erschienen war (F.A.Z. vom 1. und 8. Februar) und schließlich der Irak-Krieg ein Ende gefunden hat, trafen sich jetzt neunzehn amerikanische Staatsdichter in New Hampshire, um über Dichtung und Politik zu diskutieren.

Doch die Konferenz der Poetae laureati war bereits vor zwei Jahren geplant worden, und getreu dem ursprünglichen Programm war der Anti-Kriegs-Protest nicht das zentrale Thema von "Poetry and Politics", der ersten Tagung von Amerikas halbamtlichen Poeten. Die Konferenz verlief ohne Eklat. Selbst der jüngste Skandal um Amairi Baraka, den Staatsdichter von New Jersey, spielte keine Rolle mehr. Baraka hatte in einem Gedicht erklärt, die Israelis hätten von den Plänen für die Anschläge vom 11. September gewußt und geschwiegen.

"Neue Barbarei im Nahen Osten"

Immerhin wagten einige Staatsdichter Angriffe auf die Bush-Regierung. Maxine Kunin, Amerikas Nationaldichterin von 1981, nannte die Außenpolitik ihres Landes eine "neue Barbarei im Nahen Osten." Grace Paley, amtierende Staatsdichterin von Vermont, Friedensaktivistin und "kooperative Anarchistin", bescheinigte George W. Bush eine "unsaubere" Sprache und kritisierte die angepaßte und unkritische Medienlandschaft: "Viele Politiker lügen. Sie wiederholen diese Lügen, bis das Volk sie glaubt. Das war schon Hitlers Trick."

Und Ellen Bryant Voigt, einstige Vermonter Staatsdichterin, beklagte den winzigen Posten, der im amerikanischen Haushalt für Bildung vorgesehen ist - lächerlich im Vergleich zu 380 Milliarden Dollar für das Militär: "Amerikas Kultur und Geist werden vom Staat vernachlässigt." Jim Irons aus Idaho hatte den Irak-Krieg abgelehnt, zeigte sich aber nun zufrieden damit, daß er kurz und heftig geführt worden war. Allein Larry Woiwode aus North Dakota ging so weit, den Irak-Krieg der die Bush-Regierung zu befürworten. Woiwode - Dichter und Rhetoriker - ist Mitglied der Non-Partisan League von North Dakota, sein Sohn dient als Hauptmann einer Black Hawk-Hubschrauberstaffel.

"Amerikas Dichtung erlebt eine Renaissance“

Aber die politischen Äußerungen standen im Hintergrund. Diskutiert wurde über Poesie, über Dichtung als Sprachkunstwerk, als präziser und künstlerischer Ausdruck von Wirklichkeit. "Dichter sind keine Propagandisten", sagte Fleda Brown, Poet laureate von Delaware, und Maggi Vaughn aus Tennessee verkündete, sie verstehe sich als Volksdichterin und nicht als Politikerin.

Der friedliche Geist des Frühlings von New Hampshire bot Dana Gioia ein Podium, dem Chef der "National Endowment for the Arts." Als Festredner des Gala-Dinners feierte Gioia die Rückkehr der amerikanischen Dichter auf den Marktplatz. In einem großen Hotel in Manchester nobilitierte er vor den versammelten Staatsdichtern und Kritikern das Poetentreffen zu einem historischen Ereignis in der amerikanischen Kulturgeschichte: "Amerikas Dichtung erlebt eine gewaltige Renaissance. Eine große Wiedererweckung hat das Land seit etwa fünfzehn Jahren erfaßt. Die Dichter sind in den Mainstream des Kulturlebens zurückgekehrt."

Vitale Bewegung

Gioia ist selbst als Lyriker hervorgetreten. Die "Norton Anthology of Poetry" (1996) hat zwei seiner Gedichte abgedruckt - "Prayer" und "The Next Poem. Seine These mag zwar für manchen Beobachter überraschend klingen, sie fand indes viel Beiklang. Bisher sei die amerikanische Dichtkunst elitär, akademisch, formalistisch und schwerverständlich gewesen.

Amerikas Dichter seien Teil der akademischen Subkultur. Nun aber habe der Zeitgeist sich geändert, die heutige Dichtung sei wieder Teil der Populärkultur: Gedichtbände stünden auf den Bestsellerlisten, eine vitale Bewegung habe das Land ergriffen. Die Zahl der "rituellen Orte für Dichterlesungen", Schulen, Bibliotheken, Cafés, nehme ständig zu. Und schließlich, im Höhepunkt der Rede, erklärte Gioia: "Der amerikanische Poeta laureatus ist ein Aktivist. Er ist das kollektive Gedächtnis des Volkes."

Gioia erhielt Standing Ovations. Es muß den Lyrikern gefallen haben, daß der oberste Wächter über die geringen staatlichen Pfründe so positiv über den Stellenwert der Dichtung in der amerikanischen Gesellschaft sprach. Zwar grummelte der eine oder andere Ehrenpoet über die angepaßte Stimmung. Doch unterm Strich war man sich einig: Amerikas Staatsdichter sind keine Rebellen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2003, Nr. 104 / Seite 35
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