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Veröffentlicht: 18.12.2013, 17:46 Uhr

Podcasts Der Sender bin ich

Podcasts leben von der Persönlichkeit ihrer Macher und deren Lust an Aufklärung. Ein Gespräch mit dem Berliner Podcast-Pionier Tim Pritlove.

von Stefan Schulz
© ddp images/Axel Schmidt/dapd Redet mit seinen Studiogästen auch schon mal fünf Stunden am Stück: Der Podcast-Pionier Tim Pritlove.

Man muss nicht gleich von einer Krankheit sprechen. Aber der Rundfunk leidet unter einer Wahnvorstellung. Seit Jahren stellen sich dessen Programmgestalter die Frage: „Wie sozial involviert ist eigentlich unser Publikum?“ Die Fernsehmacher verfügen zwar über ein großes Publikum, doch die Zuschauer billigen dem Fernseher keine Exklusivität und den dort gezeigten Personen keine Authentizität mehr zu. Das hat auch mit den mobilen Computern zu tun, die heute fast jeder mit sich herumschleppt: Der Bildschirm in der Hosentasche, der immer zur Hand ist und von Menschen die man wirklich kennt, mit allerlei Interessantem gefüllt wird, degradiert den großen Flachbild-Kasten zum immobilen, unsozialen und wenig interaktiven Konkurrenten.

Geradezu panisch stellten Moderatoren im zurückliegenden Wahlkampf „Twitterfragen“. Das waren allerdings nichts als Störelemente. Auf der Suche nach Authentizität führten die Fernsehmacher ein Schauspiel auf. Zwar kamen einzelne Wortmeldungen zur Geltung, den dahinterliegenden Prinzipien allerdings wurde das Fernsehen nicht gerecht. Massenmediale Aufmerksamkeit und persönliche Authentizität sind Ansprüche, die sich nicht leicht vereinbaren lassen. So lautet das Urteil - das nun wankt.

Erfahrungen eines Podcast-Pioniers

Dafür sorgt eine Erfahrung in einer Nische des Internets, in der sich ein selbst wiederum gänzlich internet-untypisches Medienformat entwickelt. Seit eine Handvoll „Audioblogger“ vor zehn Jahren begann, das Internet zu nutzen und Apple diese Bemühungen mit einer eigenen Funktion im iPod unterstützt, gibt es „Podcasting“. Ein Kunstwort, das den iPod mit Broadcasting verbindet - also Rundfunk für die Hosentasche bedeutet. Feste Rahmen gibt es nicht. Jede Diskussion, Musikprobe oder Konferenzaufnahme, die als Download angeboten wird, kann als Podcast gelten. Der Hörer entscheidet, was und wann er hören möchte. Davon profitiert auch das herkömmliche Radio. Manche öffentlich-rechtlichen Sender werben damit, dass ihre Sendungen auch zum „zeitsouveränen Nachhören“ als Podcast zur Verfügung stehen.

Was ein Podcast ist, kann und will, kann Tim Pritlove erklären, der hierzulande zu den Podcast-Pionieren zählt und von Berlin aus eine kleine, aber ihm sehr verbundene Hörerschaft beschallt. Pritlove baute sich dafür ein Studio. Seine Gäste bekommen Mikrofon und Kopfhörer, eine Räuspertaste und Lautstärkeregler in die Hand. Alles Weitere soll Studiotechnik erledigen, die Pritlove kauft und selbst fortentwickelt, um sie unsichtbar werden zu lassen.

Mit konventionellem Radio hat das nichts zu tun

Er könne Sendungen heute „fast mit einem Autopiloten“ produzieren, sagt er. Damit habe er sich Freiraum für das Wesentliche geschaffen: „Das echte Gespräch, Zuhören und Reden.“ Durch rigide Programmplanung sei dem Radio „das ausufernde Gespräch“ heute versagt, meint Pritlove. Dessen Wert zu erkennen, Zwischentönen und Denkpausen Raum zu geben, Stimme und Stimmungen ungekünstelt zur Geltung kommen zu lassen sei der maßgebliche Unterschied zwischen Podcasts und den gängigen Radioformaten. Pritlove stellt den Dialog in den Mittelpunkt. So ließen sich zwar nur „Nischen erobern, aber dafür alle erdenklichen Nischen“, sagt Pritlove. Über den Vergleich zum Radio redet er augenscheinlich nur, weil er darauf angesprochen wird.

Dabei hat auch Pritlove beim Radio angefangen. Seit 1995 gestaltet der RBB mit dem Chaos Computer Club das „Chaosradio“, ein monatliches, mehrstündiges Radiogespräch. Vor acht Jahren, als die Sendung per Download mehr Hörer fand als bei ihrer Ausstrahlung am späten Abend, begann Pritlove mit „Chaosradio Express“, seinem ersten Podcast. Über Themen wie Stadtplanung, Bier, Feminismus und die DDR sprach er mit einzelnen Gästen länger als drei Stunden. Einige Hörer kommentierten anschließend, die Sendungen seien ihnen - zu kurz. Manche hören dieselben Sendungen mehrfach. Mittlerweile gilt das Archiv von „CRE“ als Fundgrube.

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