Die vom Kreml großzügig finanzierte Experimentalbühne „Platforma“ im Moskauer Galeriezentrum Winsawod beging den Maifeiertag mit einem Multimediakonzert aus Revolutionsliedern diverser Länder und Epochen, wo zugleich Präsident Medwedjew musikalisch verabschiedet wurde. Der Rocksänger Wassja Oblomow - das Pseudonym steht für Wassjas bürgerlichen Nachnamen Gontscharow - gab im Wechsel mit den „Durchgeknallten“ (Otmoroski), dem Schauspielschülertrupp um Kultregisseur Kirill Serebrennikow, russische Volkslieder aus dem Bürgerkrieg, Eislers Komintern-Hymne, die kubanische Ballade „Hasta siempre, comandante“ und Perestrojka-Rock von Viktor Zoi bis Jegor Letov.
Es sei doch bezeichnend, dass nur linke Lieder überlebten, kaum die der Rechten, bemerkte der prominente oppositionelle Fernsehjournalist Leonid Parfjonow, der durch den Abend führte. Das jugendliche Publikum, von dem, wie Umfragen bestätigen, die meisten gar nicht wissen, was der erste Mai eigentlich bedeutet, erlebte sein Land noch einmal als Muse einer Weltbewegung und mischte sich mit den „Durchgeknallten“ zu ausgelassenen Discotänzen.
Nach einem fetzigen Marsch von Eduard Limonows Nationalbolschewiken und Rammsteins „Links-zwei-drei vier“, wobei auf Video Revuetänzerinnen Aerobic-Übungen machen, nimmt Schauspieler Filipp Awdejew das Mikrofon, um das legendäre Lied der angolanischen Unabhängigkeitsguerrilleros der siebziger Jahre anzustimmen, „Volodya“ - das war der Kampfname eines 1975 getöteten Revolutionärs. In trägen Triolen besingt Awdejew auf Portugiesisch das Martyrium von Unterdrückung und Armut. Doch als der Refrain „Volodya“, die Koseform von Wladimir, als sehnsüchtige Melodieschleife folgt, wird seine Stimme plötzlich hell und zärtlich. Die Angolaner mögen dabei auch an Wladimir Lenin gedacht haben, erklärt Moderator Parfjonow. Im heutigen Moskau könne man den wieder zum Präsidenten gewählten Wladimir Putin so begrüßen.
„Soll denn Wowa Putin unser Retter sein?“
Dann preist Jegor Letows Flinten-Lied die „Wintowka“, das Schießgewehr, mit dem man alles „in den Arsch“ fliegen lassen kann. Die Kinderliedmelodie, die dabei penetrant wiederholt wird, vergegenwärtigt infantiles Revoluzzertum. Ein anderer Schauspieler, Alexander Gortschilin, tritt lässig im Oblomow-Kostüm eines alten Bademantels an die Rampe und reißt mit dem Reggae-Hit „Get up, stand up to your rights!“ das Publikum von den Sitzen. Dank per Video auf die Wand geworfener Liedtexten singt die Menge eifrig mit.
Die rebellischen Gesänge beschreiben die Stimmung, die der scheidende Medwedjew mit seinem Liberalisierungsgerede, das Gerede blieb, hinterließ. Das schöne Sängerinnen-Trio Alexandra, Jewgenia und Jana legt den sarkastischen Perestroika-Song „Alles geht nach Plan“ über die große Reformlüge hin. Zum harten Beat flimmern in ihrem Rücken Bilder von Aktionen der feministischen Punk-Band „Pussy Riot“, von denen drei im Gefängnis schmachten und mit infamen Verwarnungen - gegen eine, weil ihre Pritschendecke nicht ganz glattgezogen gewesen sei, gegen die andere wegen ihrer handschriftlichen Notizen - weichgekocht werden sollen. Der Schlager „Sexual Revolution“, der dann folgt, wäre ganz im Sinn der bunt maskierten Gruppe. Am Ende wünschen alle mit dem Lied „Gute Nacht“, das man, wie sein Schöpfer Viktor Zoi es tat, ganz tief in der Kehle artikulieren muss, dem gehorsamen Volk eine angenehme Friedhofsruhe.
Das letzte Wort haben Wassja Oblomow, Leonid Parfjonow und die dazugestoßene Starmoderatorin Xenia Sobtschak mit ihrer Rap-Kaskade: „Dmitri Anatoljewitsch regierte vier Jahr’, Doch er entschied nichts, stellt’ sich nicht zur Wahl. Dmitri Anatoljewitsch, fällt Dir nichts mehr ein? Soll denn Wowa Putin unser Retter sein?“ Die Antwort kannte man leider schon.
Russland u Ukraine im Visier?
stefan maier (sxyxs)
- 05.05.2012, 23:20 Uhr