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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Planungsdesaster in der Hauptstadt Berlin, schau auf deine Alten Meister!

 ·  Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will die Alten Meister aus Berlins Gemäldegalerie herausnehmen. So gefährdet sie ohne Not eines der kostbarsten Güter der Nation.

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© Staatliche Museen zu Berlin Ab ins Depot? Tizians Venus und dem als Musikanten getarnten spanischen König Philipp II. droht das nicht, aber anderen wertvollen Gemälden, sollten Berlins Alte Meister auf die Insel ziehen

Vor den Staatlichen Museen in Berlin stapeln sich die Aufgaben und Probleme. Bald siebzig Jahre nach dem Krieg und mehr als zwanzig nach dem Mauerfall reißt noch immer nicht die Kette der Baustellen, Reparaturprojekte, der Umzüge und Umschichtungspläne ab: der Neubau des Schlosses, das die Preußenstiftung wesentlich nutzen und bespielen will, die Sanierung des Pergamonmuseums, das demnächst schließt, die Besucherpromenade unter der Museumsinsel, dann die Generalüberholung der Neuen Nationalgalerie Mies van der Rohes im Westen, mit der 2015 begonnen wird, die Aufgabe des Dahlemer Museumszentrums und der Umzug der „Weltkulturen“ ins Humboldt-Forum im Schloss, wo sie in noch etwas nebelhaften Inszenierungen didaktisch dressiert werden sollen. Und schließlich die bauliche Revision des Kunstgewerbemuseums am Kemperplatz, der wohl schwersten Bausünde der jüngeren Berliner Museumsgeschichte.

Dieser Aufgabenberg und seine Kosten, die sich in Milliardenhöhen schrauben werden, lassen uns, zumal in Zeiten eines zwingenden Spargebots, schwindeln. Die meisten Unternehmen sind unabdingbar, andere scheinen entbehrlich: die Erschließungspromenade unter der Insel, unklar wie das Humboldt-Forum oder sogar überflüssig und kontraproduktiv wie das jüngste Luxusprojekt, die neuerliche Umquartierung der Gemäldegalerie, ihre Rückkehr vom Kemperplatz im Westen auf die Museumsinsel, mit der uns die Preußenstiftung in diesem Sommer handstreichartig zu überrumpeln versucht.

Noch ehe die großen und notwendigen Baustellen gemeistert sind, machen die Berliner ein kostspieliges neues Fass auf. Ohne Not soll diese weltberühmte Gemäldesammlung, eines der kostbarsten Güter der Nation, Kernstück und Kronjuwel des preußischen Erbes, das im Jahrhundert der Katastrophen verborgen, verpackt, ausgelagert, geplündert, verschleppt und nach dem Krieg zerteilt wurde und erst nach 1989 seine glanzvolle Zusammenführung und Wiederauferstehung erlebte, nach nur vierzehn Jahren Dasein in einem maßgeschneiderten Neubau wieder eingepackt, zerschlagen, ins Depot verfrachtet und nur als Torso zwischen die Skulpturen des Bode-Museums geschoben werden. Vertröstet werden wir mit der Aussicht auf einen ergänzenden Neubau auf dem Kasernengelände gegenüber dem Bode-Museum. In den Sternen steht, wann dafür die wohl weit mehr als hundert Millionen fließen werden.

Wie ein Rückfall ins Nationalistische

Einen solchen Handstreich gab es bislang noch nicht. Er wirkt wie ein Nachspiel aus dem West-Berliner Subventionstreibhaus der Nachkriegszeit: Man gibt ein sehr schönes, passgenaues Haus, eine weiträumige, lichtvolle Museumskathedrale mit Kapellenkranz nach wenigen Jahren wieder auf, verwirft den erreichten Idealzustand und zieht ihm die Verschlechterung und den Abstieg vor. Denn eine Verschlechterung bedeutet der Umzug in mehrfacher Hinsicht: Notgedrungen müsste der Bilderschatz in künftig getrennten Häusern in einen südeuropäischen Teil (im Bode-Museum) und einen nordeuropäischen Teil (auf dem Kasernengelände) geteilt werden.

Die Aufspaltung wirkt wie ein Rückfall ins nationalistische Zeitalter. Bei allen regionalen und landschaftlichen Differenzen sehen wir heute den Aufstieg der Malerei als europäisches Gesamtprojekt. Die Süddeutschen (Holbein, Dürer) entfalteten sich im Strahlungsfeld Italiens, die Lombarden oder Ferraresen schauten nach Norden. Der Einfluss der frühen Niederländer auf Italien, aber auch auf Frankreich und Spanien war durchdringend. Die Renaissance und vor allem der Barock waren unter römischer Führung ein Gemeinschaftsunternehmen, das man heute nicht mehr auseinanderreißen darf.

Die zweite Einbuße ist der zwangsläufige, dauerhafte Entzug größerer Partien des Gemälde- wie des Skulpturenbestandes. Man möchte in dieser Bildergalerie, dieser ausgewogenen, durchdachten Summe dreihundertjährigen Sammelns, auf fast kein Werk mehr verzichten. Im Bode-Museum tauchte der Berliner Skulpturenpark erst vor ein paar Jahren als Kontinent wieder auf. Die Wiedergeburt wurde weltweit bejubelt und soll nun zu großen Teilen in den Depots verschwinden.

Ist das brachiale Planungsdesaster noch zu verhüten? Eile ist geboten, da die Berliner Museumsstrategen - heute mehr Bilderstürmer als Kuratoren - ihren Umsturz blitzschnell einleiten und mit wenig Aufwand vollendete Tatsachen schaffen wollen. Das beste Mittel zur Verhinderung der Pläne wäre, der Preußenstiftung, einer „Stiftung Nimmersatt“, erst einmal den Geldhahn zuzudrehen. Doch da spielt die Politik, bei der die Kunst heute keine verständigen Anwälte mehr hat, nicht mit. Im Gegenteil, unser trostloser Kulturbeauftragter, der sich zum Glück noch nicht Bundeskulturminister nennen darf, hat für die Preußenstiftung gerade zehn Millionen Euro für den Auftakt des Abbruchunternehmens lockergemacht. Doch allmählich regt sich breiter Widerstand, der von der amerikanischen Harvard-Universität im Internet eindrucksvoll organisiert wird. Engagierte Berliner Bürger sind zu Besetzungen und Belagerungen der Gemäldegalerie entschlossen, wenn, wie angekündigt, schon im Herbst der Umzug vorbereitet und die Installationen und Wandbespannungen entfernt werden.

Verdichtung durch Reduzierung?

Vor drei Wochen veröffentlichte Hermann Parzinger, heute Präsident der Stiftung, seine Pläne zum ersten Mal in einem dürftigen Berliner Zeitungsartikel. Der Moment war geschickt gewählt, da das Publikum vom Fußballfieber und der Urlaubserwartung abgelenkt war. Wenige Tage später folgte ein Parzinger-Interview in einer Schweizer Zeitung. Die Einfalt und Grobheit seiner Argumente entsetzten. Parzinger versprach einen Berliner Louvre, den man nun auf der Insel ansteuern müsse. Es sei leicht zu verschmerzen, dass ein Großteil des Bestandes für ein paar Jahre weggesperrt werde. Parzinger verschwieg, dass daraus Jahrzehnte werden können und der ganze Corpus wohl niemals wieder zu sehen wäre.

Die Reduzierung, heißt es weiter, bedeute auch Verdichtung: Nicht alles sei von herausragender Qualität, und „bestimmte Schulen müssten nicht in all ihren Verästelungen“ immer präsent sein. Parzinger sagt das von einer ihm anvertrauten Sammlung, die sich nicht allein durch zahllose Meisterwerke auszeichnet, sondern durch ihren einzigartigen Organismus, durch reiche Landschaften und Umfelder der Malerei, wo Trabanten den großen Meistern nicht nachstehen.

Dieses Niveau und diese Dichte haben Generationen der besten, weltweit bewunderten deutschen Kenner, Sammler und Gelehrten von Waagen über Bode und Friedländer bis zu Justi und Reidemeister erarbeitet. Sie konnten noch aus dem Vollen schöpfen dank kunstsinniger Mäzene von den preußischen Regenten bis zu den bürgerlichen Sammlern Solly, Suermondt und vor allem dem großen James Simon. Dem heutigen Präsidenten sei dringend das Studium seiner Sammlungen und ihrer Provenienzen empfohlen.

Mischinszenierungen als Irritation

Es rächt sich jetzt, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Preußenstiftung auch bei künstlerischen Entscheidungen die Macht von den schwächelnden Direktoren zu den Präsidenten verschoben hat. Hermann Parzinger ist von Hause aus Prähistoriker mit großen Verdiensten in der Skythen-Forschung, aber, wie sich nun zeigt, ohne Sensibilität für die klassischen Künste.

Mit zwei konservativen Argumenten möchte uns die Preußenstiftung den Umzug schmackhaft machen. Sie will auf der Museumsinsel zum Prinzip der Mischinszenierung von Bildern und Skulpturen zurückkehren, die Wilhelm von Bode um 1900 vorexerziert hatte. Diese Idee kann in Ausstellungen und experimentellen Kabinetten faszinieren. Sie führt aber zum kulturhistorischen Museum. Diesen Weg ging das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, das sich nicht als Gemälde- oder Skulpturengalerie versteht. Die Moderne hat uns die Malerei und die Plastik „absolut“ zu sehen gelehrt und damit Genuss und Verständnis beider gesteigert. Mischinszenierungen irritieren den modernen Blick. Bodes historischem Crossover sind weder der Louvre, der Prado und die Eremitage noch die Nationalgalerien in London und Washington gefolgt - die Adressen, an denen sich Berlin orientieren sollte.

Verstrichene Gelegenheiten

Gewichtiger ist das zweite Argument der Stiftung für den Umzug der Gemäldegalerie: Erst mit ihm werde der abendländische Kanon, der einst die Museumsinsel beseelte, wiederhergestellt und vollendet. Vor zwanzig Jahren ist leidenschaftlich und mit breitem Konsens für diese Idee gestritten worden. Mit keiner Silbe gesteht die Stiftung heute ein, dass sie sich damals selbst den Weg dahin verbaut hat. Denn kein Krieg, keine Mauer und kein Honecker haben die Verschiebung der Gemäldegalerie auf das westliche Kulturforum verschuldet. Es war allein der sture Wille der Stiftung, die nach 1989 von ihren vorgefassten Plänen nicht lassen wollte. Die 285 Millionen Mark, die der Neubau am Kemperplatz am Ende kostete, hätten in einen gleich großzügigen Galeriebau auf dem Kasernengelände gegenüber der Insel investiert werden müssen.

Auch eine zweite Chance, die Gemäldegalerie sinnvoll und würdig auf der Insel zu plazieren, wurde vertan: Als sich ein Abriss des „Palastes der Republik“ abzeichnete und eine Schloss-Rekonstruktion debattiert wurde, bot sich das Schloss als idealer Schauplatz an: Berlin wäre damit illustren Vorbildern wie dem Louvre oder der Eremitage gefolgt, beides museal genutzte Königsschlösser. Doch die Stiftung schmetterte ihre Kritiker ab und warf ausdrücklich den „Mythos einer Museumsinsel mit einer angeblich verpflichtenden Konzeption der einheitlichen Darstellung der abendländischen Kultur in den Papierkorb der Geschichte“ (Wolf-Dieter Dube).

Verrat an den Alten Meistern

Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Der Galeriebau im Westen geriet wider Erwarten zum Glanzstück, was mit der falschen Entscheidung versöhnt. Auch auf der Insel wurden unterdessen die Weichen anders gestellt. Mit dem Humboldt-Forum im Schloss rücken die außereuropäischen „Weltkulturen“ in die Nähe der Museumsinsel und werden ihren abendländischen Kanon endgültig sprengen.

Den größten Druck auf die „alte“ Kunst aber üben die sich stauenden Massen zeitgenössischer Produktion aus. Die Neue Nationalgalerie will in ihre Nachbarschaft expandieren und die leer geräumte Gemäldegalerie übernehmen. Gegenüber der Moderne-Lobby sind die Alten Meister im heutigen Berlin fast schutzlos. Sie müssen sich herumschubsen lassen und werden von ihren Kuratoren verraten.

Das Spiel ist aus der alten Bundesrepublik bekannt: Man setzt das Leih- oder Geschenkangebot einer attraktiv erscheinenden Sammlung als Hebel zur Erzwingung eines erweiterten oder neuen Hauses an. Diese Rolle spielt in Berlin derzeit die Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch, ein schönes, umfangreiches Surrealisten-Ensemble, in dem zwanzig, vielleicht auch dreißig museumswürdige Stücke stecken. Doch dieses rühmenswerte Geschenk gegen Giotto, Mantegna, Botticelli und Tizian, gegen van Eyck, Rubens, Franz Hals und Rembrandt aufzubieten ist eine Überschätzung, der die Sammler selbst widerstehen sollten.

Die Zeit drängt

Außerdem wird in Berlin die Sammlung von Erich Marx ins Feld geführt, die mit Warhol, Twombly oder Beuys vom Hamburger Bahnhof in die Gemäldegalerie ziehen möchte. Hier aber hat man es mit Leihgaben mit ungewisser Zukunft zu tun, die von Verkäufen aus dem Museum heraus nicht verschont blieben. Absichtsvoll wird die Legende gepflegt, dass für Moderne und Zeitgenossenschaft kein Platz sei. Die Surrealisten von Pietzsch wären optimal aufgehoben im östlichen Stülerbau in Charlottenburg als Pendant zum Museum Berggruen (Picasso, Klee, Matisse), mit dem übrigens längst die Weichen für eine Dezentralisierung der Moderne in Berlin gestellt wurden.

Auch für das Bauhaus oder die Fotografie gibt es gesonderte Häuser. Der nach hinten dehnbare Hamburger Bahnhof bietet reichlich Platz für die Zeitgenossen und für die Zukunftskünste, wenn die überhaupt noch ins Museum wollen oder passen. Der Neuen Nationalgalerie bleiben die deutsche Moderne und die internationalen Nachkriegskünste mit dem einzigartigen Schwerpunkt der Ost-West-Konflikte und -Rivalitäten. Wenn die Nationalgalerie demnächst im Zuge ihrer Renovierung für eine Weile obdachlos wird, könnte man ihre Meisterwerke in die große leere Halle der Gemäldegalerie hängen und einen Dialog mit den Ahnen in Szene setzen. Das aber setzt ein schnelles Umdenken der Stiftung und die Rettung der Gemäldegalerie voraus.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihr Präsident

Bewahren, Pflegen, Zusammenführen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurde 1957 durch ein Bundesgesetz gegründet. Ihre Aufgabe war zunächst die Bewahrung und Pflege der im Westen Deutschlands verbliebenen Kulturgüter des ehemaligen Landes Preußen. Mit der deutschen Wiedervereinigung fielen der Stiftung auch die in Ost-Berlin ansässigen kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen und Archive der DDR zu.

Seither wurden die Kunstschätze im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin, der größten Einrichtung innerhalb der Stiftung, zusammengeführt. Präsident der Preußenstiftung ist seit 2008 der Archäologe und Prähistoriker Hermann Parzinger. Parzingers Spezialgebiet ist die vorantike Kultur der Skythen, die er durch Sensationsfunde in Innerasien einer breiten Öffentlichkeit erschlossen hat. Die Staatlichen Museen zu Berlin, in deren Verantwortlichkeit die Gemäldegalerie fällt, werden seit Oktober 2008 von dem Stuttgarter Kunsthistoriker Michael Eissenhauer geleitet. F.A.Z.

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