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Veröffentlicht: 16.10.2012, 13:06 Uhr

Plagiatoren Der beliebteste deutsche Vorname

Es ist eigentlich ganz einfach: Täuschen kann man nur mit Absicht. Und wer nicht wissenschaftlich arbeiten kann, sollte auch keinen Doktortitel bekommen. Fußnoten aus aktuellem Anlass.

von Wolfgang Bittner
© dapd Affenartige Figuren mit Doktorhüten des Bildhauers Peter Lenk, seit dem vergangenen Wochenende in Emmingen-Liptingen (Kreis Tuttlingen) zu sehen. Die Köpfe erinnern an Karl- Theodor zu Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin. Beiden wurde der akademische Grad aberkannt.

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

In die öffentliche Diskussion gerieten das Urheberrecht und damit das Plagiats-delikt durch die umfangreiche Aneignung fremden geistigen Eigentums in wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere in Dissertationen. Dabei handelte es sich nicht um Nachlässigkeiten, um „Schwächen“ oder „Mängel“ einer Doktorarbeit, wie beispielsweise die Europa-Parlamentarierin Silvana Koch-Mehrin (FDP) nach Entziehung ihres Doktortitels durch den Promotionsausschuss der Universität Heidelberg reklamierte. Sie war bei weitem nicht die Einzige, die sich so aus der Affäre zu ziehen gedachte.

Dreiste Rechtfertigungsversuche

Ähnlicher Ausreden hatten sich schon der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, Veronica Saß, bedient. Die Unternehmerin Margarita Mathiopoulos berief sich auf „Flüchtigkeitsfehler“, der Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai (FDP), dem ebenfalls der Doktortitel aberkannt wurde, sah „keinen Anlass für eine Stellungnahme“. Bemerkenswert war auch ein Talkshow-Auftritt des Europa-Parlamentariers Jorgo Chatzimarkakis (FDP), dessen Rechtfertigungsversuche an Dreistigkeit kaum zu überbieten waren.

Weitere Doktorarbeiten bekannter Persönlichkeiten wurden geprüft, unter anderen des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann (CDU), der Texte aus anderen wissenschaftlichen Werken übernommen und nicht als Zitate gekennzeichnet hatte. Zwar kam eine fünfköpfige Untersuchungskommission der Universität Potsdam zu dem Ergebnis, dass „Mängel von erheblichem Gewicht“ vorlägen, die guter wissenschaftlicher Arbeit nicht entsprächen. Erstaunlicherweise wurde das Verfahren dennoch eingestellt, da sich die Plagiatsvorwürfe angeblich nicht erhärtet hätten.

Abzuwarten bleibt, wie der Fakultätsrat der Universität Düsseldorf in der Plagiatssache der Bundesbildungsministerin Annette Schavan entscheiden wird, die nach Untersuchungen von Experten in ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Person und Gewissen“ zahlreiche Quellen nicht ausreichend gekennzeichnet hat. Wie berichtet wird, hat der Prodekan der Philosophischen Fakultät Stefan Rohrbacher in einem nun bekanntgewordenen Gutachten Textstellen auf sechzig von insgesamt 351 Seiten beanstandet. Die Arbeit, so Rohrbacher, weise „das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise“ auf. Der Gutachter kommt zu dem Schluss: „Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren.“

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