13.03.2009 · Benedikt XVI. hat sich dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt und in einem Brief an die Bischöfe auf seine Kritiker geantwortet. Doch mit seiner öffentlichen Öffentlichkeitsschelte, die von einem diffusen Unmut getragen wird, untergräbt er nur weiter seine Autorität.
Von Patrick BahnersMan täusche sich nicht“, hat Martin Mosebach der ungläubigen Welt am 9. Februar im „Spiegel“ ins Stammbuch geschrieben: „Dieser Papst tut gar nichts unter Druck der Öffentlichkeit.“ Man hat sich getäuscht, wenn man diesen Satz für wahr genommen hat. Der gestern publizierte Brief Benedikts XVI. an die Bischöfe ist ein Dokument von unklarem Status (Dokumentation: Papstbrief zur Piusbruderschaft). Er erläutert einen kirchenrechtlichen Akt, die Aufhebung der Exkommunikation von vier Klerikern, der normalerweise nicht der Erläuterung in einem Rundschreiben an die Weltkirche bedarf. Es liegt auf der Hand, dass der Papst mit diesem Brief auf den Druck einer Öffentlichkeit reagiert, die in allen Ländern, in denen die Priesterbruderschaft St. Pius X. tätig ist, Anstoß an der Begnadigung der vier Bischöfe der Bruderschaft genommen hat.
Den Erläuterungen von vatikanischer Seite, die es seit der Publikation des Dekrets vor sechs Wochen in stetigem Fluss gegeben hat, fügt der Brief nichts hinzu. Dass dem Heiligen Stuhl Bischof Williamson nicht als notorischer Holocaust-Leugner bekannt gewesen ist; dass ohne Annahme der Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils die Aufhebung der Kirchenstrafe nicht zur Wiederherstellung der Kircheneinheit führen kann; dass der Papst im Sinne der Barmherzigkeit gehandelt hat, aus Sorge um die Seelen der Exkommunizierten und ihrer Anhänger; dass römisches Entgegenkommen die festgefahrene Angelegenheit wieder in Bewegung bringen sollte; dass für die wieder zum Empfang der Sakramente zugelassenen Geistlichen weiter das Verbot, Sakramente zu spenden, in Kraft ist – all das ist von offizieller römischer Seite klargestellt worden.
Man hat noch mehr kundgetan, Selbstverständliches, das man in der Öffentlichkeit unserer Zeit immer wieder sagen muss: dass der Holocaust ein abscheuliches Verbrechen ist, die Tatsache, von der die moralische Selbstreflexion der heutigen Menschheit ihren Ausgang nimmt.
Päpstliche Illusionen
Damit hätte es sein Bewenden haben können. Was die vatikanischen Erläuterungen taugen, ob die spektakuläre Rücknahme der Kirchenstrafe, die sich die Schismatiker durch ihre unerlaubte Weihe automatisch zugezogen hatten, als Schritt einer durchdachten Kirchenpolitik gelten kann, muss ohnehin die Zukunft zeigen. In den Verhandlungen mit der Bruderschaft wird sich klären, ob die Hoffnung des Papstes berechtigt ist, dass die römische Kehrtwende, das einseitige Entgegenkommen, belohnt werden wird. Religionssoziologisch mag dieses Szenario eher unwahrscheinlich anmuten: Müssen die Sektierer nicht glauben, ihr hartnäckiges Beharren auf ihrer Wahrheit habe sich endlich ausgezahlt, in der höchsten Not wende sich der Papst ihnen hilfesuchend zu?
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Zollitsch, der sich in den zurückliegenden Wochen als nüchterner Dolmetscher päpstlicher Intentionen bewährte, hat zu verstehen gegeben, dass er die Hoffnung des Papstes für eine Illusion hält. Dieser Kommentar zu einem Projekt, in das Benedikt XVI. sein Prestige gesetzt hat, markiert einen dramatischen Autoritätsverlust des Papstes. Ganz ohne mediale Nachhilfe hat sich dieser Verlust ergeben – allein aus der Betrachtung der langen Geschichte der Verhandlungen zwischen Rom und den Lefebvre-Leuten. Benedikt XVI. habe diese unerledigte Sache aus seinem Dienst in der Glaubenskongregation noch zu einem guten Ende bringen wollen und die Aussichten angesichts der verfließenden Zeit zu optimistisch bewertet – so fällt das wohlwollendste Urteil über diese Episode seines Pontifikates aus.
Nichts Neues aus Rom
Wie viele kirchliche Initiativen verlaufen nicht im Sande, weil man dem guten Willen zu viel zutraut? Aber statt dass der Papst nun alles Weitere dem vatikanischen Geschäftsgang überlässt, hat er sich in eigener Person noch einmal geäußert, in der ersten Person Singular. Er wiederholt die bekannten Erläuterungen und schmückt sie mit pastoralen Floskeln. Nichts Neues aus Rom: Schon an dieser Redundanz erkennt man, dass der Text sich den Gesetzen der Öffentlichkeit beugt.
Die Hubert Wolfs der künftigen kirchenhistorischen Forschung werden in den Konzepten der päpstlichen Kanzlei nicht nach Hinweisen darauf suchen müssen, dass die Abfassung des Schreibens unter dem Druck der Öffentlichkeit erfolgt ist. Der Autor des Briefes führt selbst Klage über den öffentlichen Druck, dem er sich ausgesetzt sieht. „Betrübt hat mich, dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten.“ Was die hier gerügten Katholiken hätten wissen müssen, wird im Zusammenhang der Stelle nicht recht deutlich. In den Sätzen davor spricht der Papst von dem, was er nicht gewusst hat – weil „aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten“ unterblieben ist.
Persönliche Empfindlichkeiten
Hier gelobt der Papst im Stil eines Unternehmenschefs („wir beim Heiligen Stuhl“) Besserung. Ein fast kurioses Zugeständnis, es fehlt nur die Ankündigung, man werde auch den „Spiegel“ abonnieren. Und unmittelbar im Anschluss der bittere Satz über die Katholiken, die wider besseres Wissen gehandelt hätten. Da diesem verhehlten Wissen kein Sachinhalt zugewiesen wird, kommt man nicht umhin, die Aussage persönlich zu verstehen: Was diese Katholiken natürlich gewusst haben, ist, dass Benedikt XVI. der Sympathie mit Holocaustleugnern unverdächtig ist. In der Geschichte päpstlicher Zurechtweisungen von Gläubigen dürfte diese unspezifizierte Rüge singulär sein. Als wollte der Papst den wichtigtuerischen Regionalpolitikern Recht geben, die nach römischen Gesprächen mit irgendwelchen Prälaten die Medien wissen ließen, der Papst sei verstimmt über Deutschland, artikuliert er hier seine persönliche Empfindlichkeit. Was hat sie mit der Sache zu tun?
Es ist immer unsouverän, das Eingeständnis von Fehlern mit der Beschwerde über unsachliche Kritik zu verbinden. Wenn jemand es nicht nötig hat, sich diese Blöße zu geben, dann ist es der Papst, dem ein in zwei Jahrtausenden ausgebildetes Repertoire der Formen objektiver, von der sterblichen Person ablenkender Selbstdarstellung zu Gebote steht. Man habe mit sprungbereiter Feindseligkeit auf ihn eingeschlagen. Das Bild fällt auseinander: Da ist einmal die literarische Hochebene des emblematischen, im Hinterhalt lauernden Raubtiers und zum anderen die Prügelszene.
Katholiken, eine so erhebliche Zahl von Katholiken, dass ihre Erwähnung in einem Rundbrief an die Bischöfe angezeigt ist, sind dem Papst quasi instinktiv so feindlich gesinnt, dass sie nur auf die Gelegenheit warten, über ihn herzufallen. Eine seltsame Mischung aus Furcht und Hochmut kommt hier zum Vorschein, die wenig zu tun hat mit der Liebe, die der Verfasser im Schlussabschnitt des Briefes mit dem Apostel Paulus beschwört. Man könnte glauben, der Papst hätte sich die Feder von einem Feuilletonisten geliehen.
Rhetorische Fragen
Und kann es wahr sein, dass der Papst seine Kritiker zu Schlägern stilisiert? Zwar gehören die Schmerzensmann-Topoi zur Christusnachfolge, aber die Klugheit gebietet, von ihnen den allervorsichtigsten Gebrauch zu machen, nicht nur, wie hier, im weiteren Kontext der Judenverfolgung. In einer Kaskade rhetorischer Fragen – nie ein Indiz von Sicherheit – gibt der Papst die Kritik an die Öffentlichkeit zurück. „Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die man ruhig mit Hass losgehen darf. Und wer sie anzurühren wagte – in diesem Fall der Papst –, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Hass bedacht werden.“
Für eine solche zivilisationskritische Betrachtung mögen Beschimpfungen der Piusbruderschaft tatsächlich Material bieten. Aber haben es die französischen und deutschen Bischöfe und Intellektuellen verdient, dass ihre sachlich begründete, teils von verzweifelter Sorge gespeiste Kritik in die Nähe eines reflexhaften Antiklerikalismus gerückt wird, der diese Gelegenheit natürlich genutzt hat, aber leider von Rom geboten bekam? Sollte ausgerechnet ein René Girard bei dieser Gelegenheit an den Sündenbockmechanismus erinnert werden müssen? Diese wohlgesinnten Kritiker seien nicht gemeint, mag man einwenden. Aber sie haben sich dann nach dem Wortlaut der päpstlichen Selbstkritik ausschließlich über zwei „Pannen“ erregt und damit wohl doch überzogen.
Diffuser Unmut
Gewiss, es gibt unsachliche und unehrliche katholische Kritik, etwa in der „Petition Vaticanum II“. Doch seit wann lassen sich Päpste dazu herab, die Auseinandersetzung mit derlei diffusem Unmut zu suchen? Auf den Offenen Brief der Professoren und Priesterinnen hat der Papst jetzt mit seinem eigenen Offenen Brief geantwortet.
„Dass die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen.“ Noch so ein schiefes, sogar kitschiges Bild: Der Papst kann doch nicht sagen wollen, ihm wäre es lieber, wenn niemand von dem Vorgang Notiz genommen hätte. Ob Johannes Paul II., indem er päpstliche Verlautbarungen mit der Subjektivität des mystischen Theologen schrieb, nicht die Autorität des Amtes gefährde, war eine Frage, die man auch im Sinne Kardinal Ratzingers zu stellen meinte. Jetzt hat Joseph Ratzinger in eigener Sache gesprochen – mit der Stimme eines katholischen Schriftstellers kulturkritischer Obödienz, der den Lärm vermehrt, den er verdammt.