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Piratin Julia Schramm Wahlkampf einer digitalen Seele

Julia Schramm will Chefin der Piraten-Partei werden. Sie findet den Begriff des geistigen Eigentums „ekelhaft“, kassiert aber für ihr Buchdebüt einen Rekordvorschuss. Wie lebt man mit diesem Widerspruch? Eine Besichtigung.

© Gyarmaty, Jens Den Vorsitz vor Augen: Julia Schramm schreibt an ihrem Ich-Roman

Neue Parteien bringen neue Menschen. Das ist ein Geschenk für eine Öffentlichkeit, vor deren ermüdeten Augen immer wieder das gleiche Personal politisches Karussell fährt. Die Piraten sind jetzt aufgesprungen. Und schon ist man munter und winkt den neuen Talenten zu.

Melanie Mühl Folgen:

Marina Weisband gehört dazu. Sie hat für die Piraten weit über die Parteifreunde hinaus mehr soziales Kapital eingeworben als wahrscheinlich irgendein anderer Parteipolitiker der vergangenen Jahre. Christopher Lauer hebelt politisch zubetonierte Diskurse in null Komma nix aus, was der politische Oberpolier Kurt Beck unlängst zu spüren bekam. Beck spielte das Klageweib bei „Maybrit Illner“ angesichts des Schicksals der Schlecker-Frauen, und fast hätte man mitgeheult - bis Lauer mit seiner Frage „Was tun Sie dagegen?“ einen daran erinnerte, dass hier einer der Mächtigen des Landes den Ohnmächtigen spielte. Dann gibt es die Unbekannteren: Bernd Schlömer, der Profiler der Partei, Sebastian Nerz, Susanne Lang und viele andere. Man wird sie auf dem Bundesparteitag am Wochenende sehen können. Und die Piraten werden feststellen, dass jetzt, wo sie ein politischer Faktor geworden sind, geschieht, was sie immer verlangen: Es wird ernst genommen werden, was sie sagen. Und es wird gefragt werden, wer es sagt.

FDP und Grüne hatten ihr nichts zu bieten

Auf dem Bundesparteitag kandidiert auch Julia Schramm, „Politologin, Piratin, Publizistin“, sechsundzwanzig Jahre alt. Ihre Chancen stehen gut. Selbst wenn man abrechnet, dass sich gerade auch Piraten in Filterbubbles bewegen, gilt sie als eine Repräsentantin der Partei. Sie selbst hält sich für die Protagonistin eines „Narrativs“, das die Medien benötigen.

Das ist etwas zu bescheiden formuliert: Die junge Politikerin schreibt über Twitter und in ihrem Blog sehr bewusst selbst an diesem Narrativ. Es ist ein Ich-Roman. Manche kritisieren sie dafür, und sie muss notorisch gegen die Unterstellung, es ginge ihr nur um Medienpräsenz und Karriere, Einspruch einlegen.

Aber es steckt in dieser Kritik auch viel Ungerechtes: Was wäre, wenn die Parteigründer der „Grünen“ schon getwittert hätten oder die CDU des Ahlener Programms? „Wildes Denken“ ist ja gerade das, was man allzu oft in einem politischen System vermisst, wo selbst Abweichler im Bundestag nicht mehr sprechen sollen. Auf Twitter kann man nachlesen, wie sogar Journalisten großer Zeitungen, die über sie berichten sollen, sie trösten, ihr Mut zusprechen wenn die Kritik zu laut wird.

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Julia Schramm ist interessant, weil die „Piraten“ interessant sind. Wie bei jedem Politiker stellt sich die Frage nach der Konsistenz des Weltbilds und der Art der Lerneffekte. Bei Julia Schramm gibt es eine Reihe solcher Lerneffekte, erzählt wird von ihnen immer in der Terminologie der Bekehrung.

Zu den Zeiten, als es der FDP noch gut ging, arbeitete sie für einen FDP-Abgeordneten in Nordrhein-Westfalen, den jetzigen Fraktionschef Gerhard Papke, und war Mitglied der Julis, ehe sie zu den Piraten wechselte. In einem Artikel für diese Zeitung hat sie eindrucksvoll erklärt, warum FDP und Grüne ihr nichts zu bieten hatten. Auf ihrer Homepage liest man: „Einen Blogpost über den Niedergang der Pseudoliberalen zu schreiben liegt mir dieser Tage besonders am Herzen. Nicht nur bin ich immer wieder über das Niveaulimbo und die Uneinsichtigkeit erstaunt, auch beobachte ich den Niedergang mit einem großen Wohlwollen. Wieso? Nun, weil ich diesen Niedergang prophezeite, die von mir konfrontierten FDPler aber nicht auf mich hören wollten. Im Gegenteil - sie verweigerten mir die Mitgliedschaft.“

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