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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Philosophie Zum Tod von Hans-Georg Gadamer

 ·  Hans-Georg Gadamer vertrat auch noch in hohem Alter ein wahrhaft weltaufgeschlossenes deutsches Philosophieren.

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Man konnte Hans-Georg Gadamer mit einem gewissen Recht als den ältesten Überlebenden des deutschen Professorenhauses bezeichnen. Vielleicht als letzter verkörperte er dessen klassische Prägung.

Durch Vorträge und seine Präsenz in Universitäten und Kulturinstitutionen der westlichen Welt hat er in seinen späten Lebensjahrzehnten vielerorts noch einmal Eindrücke von der Eigenart jener untergegangenen deutschen akademischen Welt vermittelt. Er vertrat dabei, ohne den Sonderweg seines Herkommens zu verleugnen, ein wahrhaft weltaufgeschlossenes deutsches Philosophieren. So sehr es für Zuhörer und Zuschauer aus einem verwunschenen Deutschland kommen mochte - als dessen Geheimnis enthüllte Hans-Georg Gadamer den Wunsch nach grenzenloser Verständigung.

Das hohe Alter, das er in erstaunlicher geistiger Vitalität erleben durfte, hat ihn zu einem lebendigen Exempel von Tradition werden lassen. Denn Tradition beruht zuletzt auf der Magie der Berührung, der unmittelbaren wie der vermittelten. Wo einer erzählen kann, er habe jemanden gekannt, der den Kaiser noch gesehen habe, da wird das Band lebendiger Erinnerung geknüpft. Hans-Georg Gadamer erfuhr den natürlichen Vorzug seines Alters, seine Zuhörer schon dadurch fesseln zu können, dass er erzählte, wem von den Großen des Jahrhunderts er persönlich begegnet war. So brauchte man ihm nur die Namen Stefan George, Edmund Husserl oder Ortega y Gasset zu nennen, um die Schilderung persönlicher Eindrücke hervorzurufen.

Ein besonderer Fall war dabei Martin Heidegger, der in Gadamers Leben eine untragische Schicksalslinie eingezeichnet hat. Gadamers Verhältnis zu dem philosophischen Genie Heidegger war eines der merkwürdigsten Lehrer-Schüler-Verhältnisse der Geistesgeschichte. Auf die Frage, welche persönliche Beziehung er zu seinem Lehrer gehabt habe, antwortete Gadamer vor wenigen Jahren einmal: Es habe Leute gegeben, die mit Heidegger gut reden konnten, aber zu ihnen habe er nicht gehört; er habe nur von ihm lernen können. Diese Äußerung muss um so merkwürdiger klingen, als die Auffassung vom philosophischen Vorrang des Gesprächs und der Verständigung mit dem anderen zu den wesentlichen Momenten des hier Gelernten gehörte.

Der von Heidegger Lernende entzog das Gelernte offenbar einem zutiefst monologischen Gedankenkreis und glaubte doch zugleich, sein philosophisches Vorbild damit "richtig" zu verstehen. Es hat wohl lange gedauert, bis Gadamer sich über seine Faszination durch Heidegger klar wurde: „Was war es, was mich und andere an Heidegger so anzog? Natürlich wusste ich das damals nicht zu sagen. Heute stellt es sich mir so dar: Hier wurden Gedankenbildungen der philosophischen Tradition lebendig, weil sie als Antworten auf wirkliche Fragen verstanden wurden. Die Aufdeckung ihrer Motivationsgeschichte verlieh diesen Fragen etwas Unausweichliches. Verstandene Fragen können nicht einfach zur Kenntnis genommen werden. Sie werden zu eigenen Fragen.“

Welcher Lage und Erfahrung solch merkwürdige Schülerschaft entsprang, die am Ende in ein bewunderungswürdig freies Verhältnis zu dem Lehrer mündete, kann man Gadamers autobiographischen Schilderungen "Philosophische Lehrjahre" (1977) entnehmen. "Jemand wie ich - nicht notwendig ich selber", mit dieser Klammer hat Gadamer seine Erinnerungen gerne versehen. Jemand wie er: das war einer, der im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts in Breslau in ein naturwissenschaftlich geprägtes Professorenhaus geboren wurde und der sich frühzeitig aus dessen positivistischer Atmosphäre verabschiedete, um zielstrebig den Weg akademischer Philosophie einzuschlagen. Mit 22 Jahren wurde er bei Richard Hönigswald promoviert, war er firm in der neukantianischen Systematik. Aber schon damals war unübersehbar, dass deren Herrschaft zu Ende ging.

Alarmierend war der Eindruck der "Selbstauflösung" des Neukantianismus, nachdem dieser gut fünf Jahrzehnte an den deutschen Universitäten geherrscht und großes internationales Prestige gewonnen hatte. Allenthalben gab es nun Anzeichen, die an dieser philosophischen Schule und Disziplin irre machen konnten. Sie gingen von der Phänomenologie Edmund Husserls oder den eigenwilligen phänomenologischen Beobachtungen Max Schelers aus. Vor allem aber kamen die bewegenden geistigen Impulse für die junge Generation von den Romanen Dostojewskis und von der deutschen Ausgabe der Werke Kierkegaards, die damals bei Diederichs erschien. Und in all das platzte das Gerücht von dem ausdrucksstarken und eminent begabten Philosophen Martin Heidegger, der gerade elf Jahre älter war als Gadamer.

Kaum je hat sich wohl der Eindruck von geistig Neuem mit einem allgemeinen Umsturz der Werte so wirksam verbunden. Nach einer Begegnung mit Heidegger war Gadamer für dieses Neue gewonnen. Aber es ist bezeichnend für die Besonnenheit und Kultiviertheit des jungen Mannes, dass er diesen expressionistischen Sirenenklängen nun nicht einfach folgte. Er schien sich die Ohren zu verstopfen. Er studierte klassische Philologie und vertiefte sich in die idealistisch-romantische Tradition, der er sich nach dem Vorbild der Diltheyschen Historik genähert hatte. Die klassische Philologie blieb für Gadamer, was sie in diesem Augenblick der Erregung für ihn wurde: ein Palliativ gegen die Versuchung expressiver Selbstäußerung wie auch ein Rettungsmittel gegen das andrängende Pathos der anderen.

Sie hat ihn dann sogar in gewisser Weise gerettet, weil sie dem jungen Leipziger Professor in den Jahren, die er als die einer "demagogischen Barbarei" charakterisierte, eine Rückzugsmöglichkeit aus dem ideologisierten Diskurs bot. Von seiner Habilitationschrift über "Platos dialektische Ethik" (1928), die er zum Gegenstand einer Rückschau auf seine Anfänge genommen hat (F.A.Z. vom 17. Mai 1989) bis zu der umfangreichen Heidelberger Akademieabhandlung über die Idee des Guten von 1978 zieht sich eine nie unterbrochene Linie eines philologischen und philosophischen Gesprächs mit Platon und Aristoteles, Ausdruck einer Option für die "Alten" als die immer lebendigsten Gesprächspartner. Hier blieb immer der Anschluss an Frühes und Liegengebliebenes möglich, wie dies Gadamers Gesammelte Schriften bezeugen.

Und man darf hier vielleicht die Beobachtung anschließen, dass sich im 20. Jahrhundert, nach dem atemberaubenden Einbruch moderner Wissenschaft, noch einmal jenes merkwürdige Bündnis von Deutschem und Griechischem erneuert hat. Dass Heidegger sogar seinen politischen Irrtum in der Rektoratsrede griechisch drapiert - "Alles Große steht im Sturm" - und dabei philologisch erschlichen hat, gehört hierher.

Aber auf stille Weise hat sich auch Gadamers Opposition gegen den Heideggerschen Gestus der Destruktion aus denselben Quellen, freilich mit besserer Philologie, genährt. An die platonischen Kerngedanken lagerte sich das übrige als Bildung an, in der Linie jenes, wie Gadamer sagte, "Menschheitswissens", das durch die Rhetorik und Poetik zu Vico, zu Herder, zu Hegel tradiert wurde. Hier lokalisierte sich schon Gadamers Antrittsvorlesung von 1928 über die Rolle der Freundschaft in der philosophischen Ethik. An sie konnte er noch unlängst den Grundgedanken anknüpfen, der ihm damals aufgegangen sei und ihn in allem weiteren beschäftigt habe: "Am Anderen die eigenen Grenzen nicht so sehr zu erkennen als ein paar Schritte weit zu überwinden. Was es galt, war, Unrecht haben zu können. Und was war nicht überall das Andere? Wer bin ich, und wer bist du? - dass diese Frage sich nie beantwortet und doch als Frage ihre eigene Antwort ist, das war es, was ich fortan zu bewältigen suchte."

Aber zu allem kam das Glück der Verspätung, des Auskostens der Verspätung. Als 1960 Gadamers Hauptwerk "Wahrheit und Methode" erschien, das ein Welterfolg wurde, hatte der 60jährige seine akademische Pflicht nahezu absolviert. Das Buch war akademisch bis in alle seine Fasern. Es verarbeitete eine Reihe von Traditionssträngen: die theologische und juristische Auslegungslehre unter dem Namen der "Hermeneutik", die Gadamer nun noch einmal weltläufig machte; die romantisch-idealistischen Geisteswissenschaften, den Historismus Diltheys und des Grafen Yorck; schließlich die sprachphilosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. All das wirkte wie eine gebildete Synthese, als Abschluß eher denn als Aufbruch. Aber so kam dieses Buch zur Wirkung, als es in die ideologisierten Standpunktschlachten der 60er Jahre platzte: ein Block von gebildeten Vorurteilen und ein Vorurteil für die Bildung, das sich dazu noch zu verteidigen wusste. Im nachhinein mag es als das Wichtigste an diesem Buch erscheinen, dass es mit Methode - jedenfalls wie man sie in den wissenschaftlichen Streitfällen seit den 60er Jahren verstand - wenig im Sinn hatte.

Die unerwartete öffentliche Wirkung seines Buches, das er für ein akademisches Publikum geschrieben hatte, hat Hans-Georg Gadamer ungemein genossen. "Wahrheit und Methode" erschloss ihm nun die Welt, von Italien, Frankreich, Süd- und Nordamerika bis nach Australien und Ostasien. Überall war der Autor nun ein gefragter Redner, und er füllte diese Rolle improvisierend mit zunehmendem Geschick aus. Er war ein gewandter Debattierer, der vieles an sich heran ließ, um ihm dann doch immer wieder das Eigene abzugewinnen. Er hat den großen Leibniz mit der Bemerkung zitiert, alles, was er lese, leuchte ihm ein. Das mag Gadamer lange Zeit wie ein Einwand gegen den durchschlagenden Ernst seines Philosophierens in den Ohren geklungen haben, bis er dann eine philosophische Tugend daraus zu machen verstand.

Aus solcher Übung erwuchsen ihm im hohen Alter neben dem akademischen Erfolg Züge einer gelassenen Menschlichkeit, ja Warmherzigkeit, die ihn über jeden Ehrgeiz hinaushoben und mit denen der greise Philosoph auch jenseits seines Gedankenkreises beeindrucken konnte. Und so fand er wohl auch zu seinem Lehrer Heidegger und zu seiner eigenen Schülerschaft am Ende ein entspanntes Verhältnis.
"Philosophische Lehrjahre" hatte Hans-Georg Gadamer seine Lebenserinnerungen überschrieben, als sollte es damit kein Ende haben. Aber irgendwann im hohen Alter waren sie zuende und wurden abgelöst von freier Mitteilung der in das Leben eingewebten Gedankenmuster. Das Glück des Alters hat Gadamer reichlich gekostet. Aber er hat auch vielen daran Anteil gegeben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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