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Michel Onfray will schweigen : Selbstbescheidung

Entschieden weise: Der Philosoph Michel Onfray im Mai 2006 Bild: Picture-Alliance

Michel Onfray, Philosoph, Schriftsteller, einst Regierungssprecher unter Mitterrand, will sich aus den öffentlichen Debatten zurückziehen. Keine schlechte Idee: Einer seiner Tweets war nach den Anschlägen von Paris vom IS aufgegriffen worden.

          Nie waren sie so einflussreich wie heute: Diesen Befund formulierte unlängst Jacques Julliard als Historiker der französischen Linken und Intellektuellen. „Der Einfluss von Jean-Paul Sartre auf die französische Politik war sehr viel geringer als jener von Bernard-Henri Lévy“, stellt Julliard fest. Gegen den Algerien-Krieg der Franzosen habe Sartre nichts erreicht, BHL aber von Sarkozy die Bombenangriffe auf Gaddafi bekommen. Auch den Rückzug der Schulreform – so trügerisch er sein mag – schreibt Julliard dem Protest der Intellektuellen zu.

          Es gab in den vergangenen Monaten in Frankreich intensive Debatten um ihre Wirkung und ihre Orientierungslosigkeit, und Julliard war nicht der Einzige, der eine „Rückkehr der Intellektuellen“ konstatierte. Unter Präsident Mitterrand hatte der Regierungssprecher das „Schweigen der linken Intellektuellen“ gegeißelt; später stellte man ihnen angesichts ihrer ideologischen Irrtümer den „Totenschein“ aus. Inzwischen aber sind die Politiker selbst sehr viel mehr in Ungnade gefallen. Das ist für Julliard der wichtigste Grund für das Comeback der französischen Intellektuellen: Sie haben sich an die Stelle der Politiker gesetzt.

          So ungefähr hatte auch Tocqueville die Dialektik von Geist und Macht im achtzehnten Jahrhundert und den Rollentausch, der in die Revolution mündete, beschrieben. Für den „Niedergang des Parlaments“ macht Julliard die Parlamentarier verantwortlich: „Seit Jahren gab es keine Debatte, die diesen Namen verdient.“ Intellektuelle seien in der Mediengesellschaft auch deshalb im Vorteil, weil sie nie Rechenschaft ablegen müssten. Umgekehrt sind sie aber ziemlich wehrlos gegen Instrumentalisierung. Darauf jedenfalls berief sich Michel Onfray, nachdem seine Kritik an der „islamophoben Politik“ Frankreichs vom IS in einem Propagandavideo verbreitet worden war. „Linke und Rechte haben in der Welt den Krieg gegen den Islam gesät. Zu Hause ernten sie den Krieg des Islams“, hatte Onfray am Tag nach den Anschlägen getwittert.

          Einen solchen Satz kann nur sein Autor falsch verstehen. Nun kündigt Onfray an, dass er einen Gesprächsband über den Islam, der im Januar erscheinen sollte, nicht mehr veröffentlichen und sich selbst aus der Medienlandschaft zurückziehen werde: weil es unmöglich geworden sei, in Frankreich rational zu diskutieren. Am Wochenende war er zum Abschied ein vorläufig letztes Mal im Fernsehen. Onfray begründete seinen Schritt mit derart dubiosen Aussagen, dass er tatsächlich als weise Entscheidung erscheint. Noch kann man jedoch nicht so richtig an die neue intellektuelle Tugend des selbstauferlegten Schweigens glauben - sie aber angesichts der laufenden Debatten vorbehaltlos weiterempfehlen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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