17.02.2009 · Wider die Beschimpfung einer Männertruppe: Die TSG 1899 Hoffenheim ist kein Verein, sondern ein Labor der Fußballkultur. Der Milliardär Dietmar Hopp will mit der Vereinsmeierei alten Stils aufräumen und holt den Sport in die Mitte der Gesellschaft.
Von Jochen HieberDie Beschimpfung der TSG 1899 Hoffenheim durch die Konkurrenz hat schon Tradition. Christian Heidel, der Manager von Mainz 05, begründete sie im Herbst 2007. Damals bedauerte er öffentlich, „dass so eine Mannschaft einen der sechsunddreißig Plätze im Profi-Fußball wegnimmt.“ Nun war es Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, der Anfang Februar in einem Interview davon sprach, das Problem seines Vereins seien nicht die übermächtigen Münchner Bayern, „unser Problem“, fügte er hinzu, „sind Klubs, die relativ wenig Ausstrahlung haben und wenige Emotionen wecken, aber über sehr viel Geld verfügen.“ Gemeint waren die Werksmannschaften Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg, in erster Linie jedoch 1899 Hoffenheim, dieser mit den Millionen des Milliardärs und SAP-Gründers Dietmar Hopp gesegnete Kleinstadt-Klub aus dem Kraichgau.
Zur einer Hoffenheim-Verteidigung gegen Watzke schritt am vergangenen Wochenende Wolfgang Niersbach, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes. So richtig freuen indes konnte man sich ob seiner Argumentation nicht. „Wir sollten froh sein“, sagte er der dpa, „dass Hopp sein Geld nicht in Museen und Kunsthallen steckt, sondern unter anderem in den Fußball.“ Da kehrte er also wieder, der Gegensatz von Fußball und Kultur, den man spätestens seit der WM 2006 überwunden glaubte - und der, schaut man nur genau hin, in und um Hoffenheim auch keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil, was dort passiert, ist nichts weniger als ein kulturelles und soziales Experiment, das sich des Fußballs als massenwirksamer Basis bedient.
Das Neue im Tarnmantel der Tradition
„Es hat einen unwiderstehlichen Charme“, sagt Wolf Gerhard vom „Akademiker-Fanclub 1899 Hoffenheim“, „dass ganz Vieles hier ganz anders läuft als überall sonst“ und fügt vorsichtig hinzu: „bisher jedenfalls“. Mit gut neunzig Fanclubs, von denen nur einer länger als zwei, drei Jahre besteht, liegt Hoffenheim bestenfalls im Mittelfeld der Unterstützer-Szene, Urvereine wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund bringen es auf mehrere hundert. Einen „Akademiker-Fanclub“ aber - er hat 28 Mitglieder, darunter vier weibliche - gibt es nirgendwo sonst: und das ist ein Indiz. Das Faszinierende an Hoffenheim sei, so Gerhard, „dass man hier ein Projekt von Beginn an und von klein auf begleiten konnte - und nun sieht, wie etwas wächst, losgelöst von den branchenüblichen Borniertheiten.“
Im ganz und gar Neuen also liegt der Reiz des Hoffenheim-Gefühls. Das Neue aber hüllt sich listig in den Tarnmantel der Tradition. Natürlich hat der heutige Klub überhaupt nichts mehr mit jenem des Gründerjahres 1899 zu tun, aber er nutzt die künstliche Kontinuität sehr geschickt, um bodenständig und damit glaubwürdig zu erscheinen. Der 3000-Seelen-Ort Hoffenheim, knapp vierzig Kilometer südlich von Heidelberg gelegen und seinerseits ein Stadtteil von Sinsheim, bietet dafür die adäquate Folklore, fast jedes zweite Haus schmückt sich mit der blau-weißen Vereinsfahne.
In Wahrheit jedoch ist die TSG 1899 Hoffenheim ein Meta- oder ein Antiverein, genauer: er ist beides in einem. Und just das ist seine Stärke. Vor drei Jahren noch, man spielte in der Regionalliga, wollte Dietmar Hopp seiner Vision von einem Bundesligaklub in der „Metropolregion Rhein-Neckar“ noch den Namen FCH Heidelberg 06 verleihen. Dass er den Traum dann in seinem Geburtsstädtchen selbst verwirklichen musste, belegt zum einen Heidelbergs verpasste Chance und zum anderen die souveräne Beliebigkeit der jetzigen Vereinsidentität.
Bewegung und Bildung um ihrer selbst willen
Wider die Vereinsmeierei alten Stils: Beeindruckt betrachten lässt sich diese Offenheit im Jugendförderzentrum, das 2001 im Hoffenheimer Nachbardorf Zuzenhausen eröffnet wurde. Geleitet wird es vom gut siebzigjährigen Anton Nagl, einem ehemaligen Manager. Der aber singt zu allererst das Loblied auf sein „junges Team“ und betont „die Ganzheitlichkeit und Gleichrangigkeit“ der Angebote im Zentrum. Selbstverständlich wird hier Fußball unterrichtet und auf dem üppigen Trainingsgelände auch geübt, parallel dazu aber kooperiert man mit Haupt- und Realschulen sowie mit Gymnasien aus der Gegend und mit der Universität Heidelberg. Man bietet den Kindern und Jugendlichen an allen Wochentagen schulische Nachhilfe, Betreuung bei den Hausaufgaben, Sprach- und Computerkurse. Man berät sie, nun im Zusammenarbeit mit Firmen der Region, bei der Berufswahl und man achtet, oft gegen den Widerstand ehrgeiziger Eltern, beizeiten darauf, dass aus dem Traum, einmal ein berühmter und hochbezahlter Profi zu werden, kein Albtraum werden kann.
Vier Außenstellen hat das Zentrum mittlerweile - jene in Ludwigshafen und und in Mannheim-Waldhof befinden sich mitten in sozialen Problemzonen. Noch im Bau ist der Ableger in St. Leon-Rot, wo in Kürze der Mädchen- und Frauenfußball ein Domizil findet. Noch im Bau ist ein Kindergarten in Zuzenhausen, in dem der Sportpädagoge Klaus Roth vom kommenden September an mit bis dahin geschulten Kindergärtnerinnen sein Konzept der „Ballschule“ realisieren will - Roth übrigens, Ordinarius in Heidelberg, ist ein bekennender Unterstützer des vereinsfreien Sports. Und obwohl mittlerweile Dutzende von Jugendmannschaften aus dem Förderzentrum hervorgingen, betont Anton Nagl stets aufs Neue, dass es keineswegs das primäre Ziel sei, Nachwuchs für Hoffenheims Ligamannschaft hervorzubringen -“das schafft eh nur einer unter tausend“ -, sondern Bewegung und Bildung um ihrer selbst willen anzubieten und zu fördern. 3,6 Millionen Euro im Jahr lässt sich Dietmar Hopp das private Zentrum kosten.
Die Aura des mittleren Maßes
Ebenfalls im September soll das Internat öffnen, in dem dann in der Tat einige wenige Jugendliche zu Elitekickern reifen sollen. Seinen Sitz finden wird es in der jetzigen Geschäftsstelle von 1899 Hoffenheim, die ihrerseits und zusammen mit der Profimannschaft wie der U 23 in das dann fertiggestellte Trainingszentrum am Rande des Ortes einziehen soll: natürlich wird es das größte in ganz Deutschland sein.
Ihre Pflichtspielpremiere bei Flutlicht hatte am vergangenen Freitagabend die vor wenigen Wochen eröffnete Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim. 1899 Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen, ein Spiel zweier Mannschaften, denen nicht nur Hans-Joachim Watzke wenig Ausstrahlung und wenige Emotionen zubilligt: „Plastikclubs“ ist noch das mildeste Schimpfwort, mit dem sie von den Fans der Urvereine belegt werden. Aber bereits das Stadion selbst ist klug dosierte und kühl konstruierte Emotion - gerade mal 30.000 Zuschauer fasst es und wirkt im Vergleich zu den Tempeln in München, Gelsenkirchen oder eben Dortmund bescheiden, ja fast winzig. Gleichwohl hat es bereits eine ganz eigene Aura - jene des mittleren Maßes und also auch des mittleren Glanzes.
Als Traditionsmarke eine Finte
„Kultiviert“ nennt Eberhard Will, der in Mannheim praktizierende Vorsitzende des Fanclubs „Ärzte für Hoffenheim“, die Aura des Stadions wie des Vereins. Wie sehr viele Anhänger legt auch er großen Wert darauf, nicht erst seit dem Aufstieg in die zweite und im vergangenen Jahr dann auch sogleich in die erste Liga zu den Spielen zu kommen - „wir waren auch schon in der Regionalliga dabei“, lautet der Refrain aller jener, die nicht als Mitläufer des schnellen und jungen Ruhms gelten wollen. Ungefragt sagt das sogleich auch Wolfgang Kuhn, der Geschäftsführer der Heilbronner Mittelstandsfirma Förch, die als sogenannter „Premium Partner“ mehrere hunderttausend Euro pro Spielzeit ins Sponsoring steckt. „Höchste emotionale Kundenbindung“ verspricht er sich davon, für das Engagement in Hoffenheim hat er sich entschieden, „weil man hier neue Wege geht und weil trotzdem die Proportionen stimmen: kein Protz hier.“
Hoffenheim verlor die Flutlichtpremiere knapper, als es das Ergebnis von eins zu vier besagt. Aber man verlor - „und viele im deutschen Fußball“, so der „Akademiker“-Fan Wolf Gerhard, „wird das freuen, halten sie Hoffenheim doch für eine Luftblase“. Dagegen spricht vieles. Die Strukturen der Fußballkultur, die hier mit mäzenatischen Mitteln großzügig, aber ohne Größenwahn gelegt wurden und ausgebaut werden, scheinen weitgehend unabhängig vom Tabellenplatz der Profis. Die TSG 1899 Hoffenheim mag als Traditionsmarke eine Finte sein. Die Aussicht jedoch ist gut, dass sich unter dem Tarnmantel der neue Fußball findet. Und den wollen wir.