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Phänomen Bart : Männer in Großstädten

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Jonathan Touboul heißt der Mann, der das wissenschaftlich nachgewiesen hat. Er ist Mathematiker am Collège de France, zeigt sich auf der Internetseite seiner Fakultät mit Dreitagebart, und dies fand er heraus: „Nach einiger Zeit wird ein zufälliges Ungleichgewicht erkannt, und alle antikonformistischen Individuen neigen dazu, sich diesem Trend entgegengesetzt zu verhalten, ungeachtet der Tatsache, dass es so viele von ihnen tun und somit eine klare Ausrichtung hin zum entgegengesetzten Trend entsteht. Dies wird zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt, was zu einer wechselseitigen Umkehrung führt, und diese Schwingungen wiederholen sich periodisch. Trotz ihrer Anstrengungen scheitern Antikonformisten zu allen Zeiten dabei, sich der Mehrheit gegenüber abweichend zu verhalten.“

An Faulheit kann es nicht liegen

Aber es sind ja nicht nur Hipster, die heute Bart tragen. Auch nachlässige Männer tragen Bart oder solche, die immer schon Bart getragen haben, oder welche, die aussehen wollen wie Hipster oder die zuerst die Idee mit dem Bart hatten und sich jetzt nicht so einfach geschlagen geben wollen. Natürlich könnten es auch Holzfäller oder Fischer sein, die da mit Vollbart im Flugzeug neben jüngeren Bartträgern sitzen. Was weiß denn ich? Es sprengt meine Code-Entschlüsselungssynapsen, es stellt mich vor unlösbare soziale Rätsel – und damit geht es mir nicht anders als der libanesischen Polizei. Jüngst geisterte die rührende Geschichte von Mazen Hariz durch die internationale Presse, einem Barkeeper und Wirtschaftsstudenten aus Beirut, der viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt und einen imposanten Sieben-Monate-Bart sein eigen nennt. Täglich wird er von der Polizei aufgehalten. Die Überschrift fasste sein Nahost-Szene-Dilemma sehr hübsch zusammen: „Who’s That Lebanese Man With a Beard? Hipster Or Jihadi?“

In der Geschichte der Rasur hat es natürlich immer wieder unterschiedliche Moden gegeben. Manchmal wurden diese von oben diktiert, etwa von Alexander dem Großen, der seinen Soldaten das Tragen eines Bartes verbot (angeblich, um nicht vom Gegner am solchen gepackt werden zu können). Manchmal schien die Mode aber auch eine gesellschaftliche Befindlichkeit widerzuspiegeln. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich in England beispielsweise so viele bislang sorgfältig rasierte Männer plötzlich Bärte stehen, dass Aufsätze und Bücher zu diesem Thema publiziert wurden, mit Titeln wie „Why Shave? Or, Beards v. Barbary“ (1886) oder „The Beard! Why Do We Cut it Off?“. Damals mussten sich Männer in der sich verändernden Arbeitswelt der Industrialisierung behaupten und nicht zuletzt auch gegen die ersten Frauen, die begannen, ihre untergeordnete Rolle zu hinterfragen. Möglicherweise also sind Bärte tatsächlich ein Versuch, sich einer nach wie vor vorhandenen Männlichkeit zu vergewissern? Vor allem in Großstädten, in denen archaische männliche Eigenschaften ja eigentlich nur noch gebraucht werden, wenn mal ein Konzertflügel von einer Altbauwohnung in eine andere befördert werden muss?

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