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Welterklärer Peter Sloterdjik : Oligarchie ist machbar, Herr Nachbar

  • -Aktualisiert am

Die Oligarchie sei das „Betriebsgeheimnis“ der Demokratie, meint Peter Sloterdijk. Bild: dpa

Zu seinem siebzigsten Geburtstag gibt der Philosoph Peter Sloterdijk ein Interview, in dem er erklärt, wie es angeblich wirklich läuft in der Demokratie. Er macht es sich zu einfach.

          Der britische Althistoriker Ronald Syme ist wegen eines Satzes aus der Einleitung seines 1939 erschienenen Standardwerks „The Roman Revolution“ auch über die Grenzen seines Faches hinaus berühmt geworden. „In allen Zeiten“, so schrieb der politisch bewegte Romkenner, „was auch immer Form und Name der Regierung seien – ob Monarchie, Republik oder Demokratie – lugt eine Oligarchie hinter der Fassade hervor.“

          In der englischen Diktion klingt das transhistorische Gültigkeit beanspruchende Diktum noch geheimnisvoller und gefährlicher: „an oligarchy lurks behind the façade“. Im Grunde hatte Syme mit seiner Weltformel nur auf einen vereinfachten Punkt gebracht, was der Soziologe Robert Michels schon Anfang des Jahrhunderts als „ehernes Gesetz der Oligarchie“ beschrieben und anhand des Parteienwesens der deutschen Arbeiterbewegung sorgsam nachgewiesen hatte. Nur, weil vorne „alle willkommen“ dran steht, heißt das noch lange nicht, dass auch wirklich „alle“ drin sind.

          „Türsteher-Paradox“ könnte man das auch nennen. In jedem Fall hat auch die Oligarchie-Theorie eine Fassade, hinter der jemand grinsend hervorlugt: nämlich die Plattitüde. Im aktuellen „Spiegel“-Interview hat das Geburtstagskind Peter Sloterdijk jetzt – selbstredend ohne Quellenangabe – Symes Theorieformel aufgegriffen und durch die Einrückung in seinen persönlichen Sinnhorizont geadelt. Der Begriff der Demokratie, heißt es hier, besitze ein „sehr hohes pseudonymisches Potenzial“, sei gar eine „Fehlbezeichnung“, die die wahren Strukturen der Machtausübung nur heimtückisch verdecke. In Wahrheit sei eben die Oligarchie (Sloterdijk spricht vornehmer von „Oligokratie“) das „große Betriebsgeheimnis politischer Strukturen, die sich als demokratisch ausgeben“.

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          So wie die terminologische Fassade angeblich ein herrschaftsstrukturelles Geheimnis verbirgt, verdeckt hier auch die semantische Hülle den eigentlich recht profanen Kern des Gedankens. Sloterdijk unterläuft seine eigene Camouflagetechnik freilich gleich wieder selbst, wenn er wenige Sätze später zu Protokoll gibt: „Die Welt gehört den wenigen, nicht den vielen.“ Damit ist der Karlsruher Philosoph wieder dort angelangt, wo schon Syme und Michels und mit Sicherheit eine unüberschaubare Vielzahl herrschaftskritischer Geister vor und nach ihnen schon waren: Bei der ungefähren Ahnung, dass alle Entscheidungen am Ende doch exklusiv, im „Club der Mächtigen“ getroffen werden.

          Gegen die Verschwörer hilft nur eine Theorie – so viel ist schon lange klar. Aber ist sie, diese Theorie, im Moment wirklich plausibel? Erleben wir nicht gerade jetzt eine Zeit der nahezu radikalen Volksherrschaft, der „Mobokratie“? Wer war für den Brexit, die Trump-Wahl, das Türkei-Referendum verantwortlich? Nicht die Elite, sondern eine Mehrheit der Befragten. Warum wird Angela Merkel aller Voraussicht nach wiedergewählt? Weil die Mehrheit der Deutschen mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung einverstanden ist. Wenn wirklich nur die Wenigen, die „da oben“, alle wichtigen Entscheidungen treffen würden, dann sähe unsere Welt wohl anders aus. Manchmal hält die Fassade. Manchmal ist sie zu gut konstruiert, als dass jemand hinter ihr hervorlugen könnte.

          Quelle: F.A.Z.

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