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Peter Roehr in Frankfurt : Fünf Jahre und kein bisschen mehr

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Gibt es einen Anfang oder ein Ende? Der jung verstorbene Künstler Peter Roehr ist die Entdeckung des Jahres. Jetzt ist sein Werk in zwei Frankfurter Museen zu sehen.

          Sein viel zu kurzes Leben wäre prädestiniert für ein schnelles Vergessen. Peter Roehr wurde nur dreiundzwanzig Jahre alt. Er wuchs in Frankfurt auf, fern hitziger Orte wie New York; er machte von 1951 an eine Lehre als Leuchtreklame- und Schilderhersteller, von 1962 bis 1965 war er an der Werkkunstschule in Wiesbaden. Es blieben ihm nur fünf Jahre, um sein einzigartiges Œuvre zu schaffen. Es umfasst sechshundert Werke, die sich auch noch in die trainierten Gehirne des 21. Jahrhunderts einbrennen.

          Seine Zeit war auch die des jungen Andy Warhol, der 1962 die Factory gründete, seine erste Ausstellung in der Ferus-Gallery in Los Angeles hatte und die „Campbell's“-Suppendosen schuf. Die Wiederholung von Alltagsmotiven, um aufzuzeigen, was im gedankenlosen Gebrauch der Zeichen und Bilder unkenntlich bleibt, ist auch Peter Roehrs Prinzip. Dafür findet er viele Formen: Foto-, Kolonnen-, Typo-, Ton-, Lege-, Objekt- oder auch Filmmontagen. „Montagen“ war sein Begriff, denn er verwendete ausschließlich vorgefertigte Materialien für seine ungeheuren Energieleistungen.

          Zwei Museen in Symbiose nach dem großen Krach

          Eine Verbindung nach New York bot Roehr der spätere Galerist und Sammler Paul Maenz, der den Freund fast im Alleingang in die Kunstgeschichte eingeschrieben hat. Er versorgte ihn auch mit Material für seine Werke. Ohne ihn und einige Unermüdliche wäre sein Werk vergangen. Hundert Arbeiten sind von heute an in seiner Stadt zu sehen - an zwei der renommiertesten Museen, dem Städel und dem Museum für Moderne Kunst (MMK). Diese mächtige Doppelausstellung hat eine Geschichte, natürlich. So etwas geschieht nicht einfach.

          Es ist die Symbiose nach dem großen Krach, der begann, als Städel-Chef Max Hollein seit einiger Zeit sein kenntnisreiches Auge für alte Malerei auch der Gegenwartskunst zuwandte. Udo Kittelmann, der ehemalige Chef des MMK, wollte das nicht gutheißen. Die neue Leiterin aber, Susanne Gaensheimer, scheut diese Verbindung nicht. Sie vertraut auf die Stärke der hauseigenen Sammlung und beweist dies eindrucksvoll: Ein wichtiger Teil der Werke Roehrs entstammt ihrem Museum und Frankfurter Sammlungen, die früh das Potential des Künstlers erkannten und kauften.

          Im Autolack spiegelt sich die Skyline

          Die bewusst nicht chronologische, sondern thematische Einteilung der Ausstellung an zwei Orten unterbricht den Sog der repetitiven Bilderflut und öffnet den Blick für die Vielfalt hinter der Redundanz. Im MMK verfolgen wir atemlos seine Beschäftigung mit der Fotografie. Im Städel treiben seine Bilderreihen bis nah an den Nullpunkt. Das Kabinett dort wird, gipfelnd in den Schwarzen Tafeln, zum aufgeladenen Umschlagpunkt seiner Kunst.

          Zurück zu einem möglichen Anfang, also zum MMK: Vierzig Fotografien identischer Volkswagen-Motorhauben, in denen sich eine Skyline des Jahres 1965 spiegelt, sind zu einem Quadrat - für ihn die entscheidende Form seit Malewitsch' schwarzem Quadrat von 1915 - zusammengesetzt. Sechsunddreißig Mal das gleiche Motiv von Arbeitern, die eine Karosserie polieren und bearbeiten. Die Bilder haben keinen Fokus, das Sehen passiert überall. Sechsunddreißig knallrote Autoledersitze, aus dem Jahr 1966, sechsunddreißig Mal trifft der Blick die Augen einer Frau, die sich die Wimpern tuscht.

          Siegel-Aufkleber formieren sich zu einem Quadrat

          Peter Roehr sucht nach dem Optimum, das die Motive in ein abstraktes Muster umwandelt: „Überschreitet die Anzahl der Gegenstände in der Reihung eine bestimmt-flexible Grenze, so lösen sie sich auf und werden zu Grundeinheiten einer für sie spezifischen Struktur. Wird eine andere, bestimmt-flexible Anzahl nicht erreicht, so bleibt es bei einer Ansammlung von Gegenständen“, wird er im gelungenen Katalog zitiert, der als eines der umfangreichsten Nachschlagewerke des Künstlers fungieren wird.

          Eine Hand am Zündschlüssel, wieder und wieder. Sechs mal sechs rote, sterngezackte Siegel-Aufkleber formieren sich zu einem Quadrat. Dann ein Bruch, denn diese Wiederkehr hat nichts Ewiges, ist kein psychedelischer Angriff auf das Sehvermögen. Die fehlende Perfektion seiner Werke manifestiert sich. In ihnen bleibt ein unaufhebbarer Rückstand zum technisch produzierten Gegenstand.

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