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Peter Handke : Sein Serbien gibt es nicht

  • -Aktualisiert am

Peter Handke ist in Belgrad kein Thema Bild: AFP

Peter Handkes Äußerungen werden in Serbien beobachtet, aber nicht groß diskutiert. Die Intellektuellen des Landes haben andere Probleme, sie kämpfen gegen eine zunehmende Nationalisierung und Kriminalisierung der Bevölkerung.

          Die seriösen Medien in Serbien haben die jüngsten Ereignisse um Peter Handke aufmerksam beobachtet - angefangen von der Absetzung seines Stücks vom Spielplan der Comedie-Francaise über die vorgesehene Preisverleihung in Düsseldorf bis hin zur anschließenden Debatte in den deutschen Medien. Alle wichtigen Etappen und Wendungen wurden schnell und genau dokumentiert - zuletzt auch Handkes Verzicht.

          Kommentare blieben jedoch die Ausnahme. Der Korrespondent der unabhängigen Tageszeitung „Danas“ (Heute) meint, Handke habe die „Burleske“ größtenteils selbst verursacht. Zuletzt habe der Schriftsteller keine andere Wahl mehr gehabt als den Verzicht. Ansonsten gibt es zu dieser Angelegenheit in der serbischen Öffentlichkeit weder Kommentare noch Debatten; Handke ist eben kein Thema in Belgrad.

          Daraufhin angesprochen erklären viele fast unisono, der ganze Fall habe mit „uns in Serbien eigentlich nichts zu tun“. Das gilt sogar für Handkes Auftritt bei der Beisetzung des Diktators in Pozarevac. Läßt man sich aber auf längere Gespräche ein, wird klar, daß die meisten serbischen Intellektuellen gut informiert sind und zu strittigen Punkten überlegte und begründete Meinungen vertreten.

          Kritik von Serben

          Latinka Perovic, eine durch ihr kritisches und unabhängiges Denken sehr bekannt gewordene Historikerin, bemerkt etwa, sie halte es für unannehmbar, wenn jemand von außen kommt und suggeriert, es sei für die Serben im jetzigen Moment richtig, die Verbrechen aufzurechnen, ein Gleichgewicht zwischen eigenen und den Verbrechen anderer herzustellen und darüber zu vergessen, wer den Krieg entfacht hat.

          Srdja Popovic, der unter unabhängigen Intellektuellen des ganzen Raumes fast schon legendäre Rechtsanwalt, der jetzt die Familie Djindjic im Verfahren gegen die Attentäter des Ermordeten vertritt, dessen Rechtsanwalt er übrigens noch während der Tito-Diktatur war, weist auf die Tatsache hin, die Handke zusätzlich kompromittiert habe, daß ihn nämlich „Milosevic und sein Regime hier begeistert umarmt haben“.

          Handkes Stellungnahmen in der „Süddeutschen Zeitung“, die manche in Deutschland für eine ausreichende Rechtfertigung halten, wurden in den serbischen Zeitungen mehr oder minder ausführlich zitiert. Der Vorsitzenden des serbischen „Helsinki Watch“-Komitees, Sonja Biserko, ist die darin enthaltene Parallelisierung zwischen den Verbrechen in Srebrenica und Kravica nicht entgangen, weshalb sie bemerkt, die Greuel von Kravica dürfe man selbstverständlich weder leugnen noch verharmlosen, aber der direkte Vergleich der Untaten erfolge meist, um den Genozid in Srebrenica zu relativieren.

          Am äußersten Rand

          Die Dramaturgin Borka Pavicevic erweist sich ebenfalls als im Handke-Fall bestens informiert. Sie kann aber nicht fassen, wie Handke Jugoslawien mit Milosevic identifizieren kann, mit jenem Man also, der „von Belgrad aus mit Waffengewalt dieses Land vernichtete“. Auch Borka Pavicevic hing an dem Land, das es seit eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr gibt. Um so unverständlicher erscheint ihr diese absurde Vorstellung Handkes, die er in seiner Stellungnahme im serbischen Wortlaut mit „Zivela Jugoslavija“ bekräftigte.

          Doch Handke bewegt sich am äußersten Rand der aktuellen Debatte. Was die meisten Kommentare in den Medien und die langen Gespräche der diskursfreudigen Belgrader Szene beherrscht, ist die gegenwärtige politische Lage in Serbien, die fast ausnahmslos als „katastrophal“ bezeichnet wird. Einen leisen Schock verursachte die Erkenntnis, daß die herrschende Riege mit dem Regierungschef Vojislav Kostunica an der Spitze tatsächlich aufrichtig geglaubt hat, daß es zu einer Unabhängigkeit Montenegros nicht kommen werde. So viel Wirklichkeitsferne hat dann doch überrascht.

          Tagelanges Schweigen Kostunicas nach dem montenegrinischen Referendum, der ostentativ arrogante Empfang des Sonderbeauftragten der Europäischen Union, Javier Solana, vor den Kameras, die eines Ministerpräsidenten äußerst unwürdige Wortwahl bei der offiziellen Stellungnahme anläßlich des unerwünschten Referendumsresultats - all das wurde zusammen mit einigen anderen Symptomen als Belege einer endgültigen Abkehr von jenem Reformelan gedeutet, den Zoran Djindjic angestoßen hatte.

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