19.09.2002 · Warum seine Fans so lange auf das neue Album warten mussten? Peter Gabriel verrät: „Old men take a little longer to get 'up'.“
Von Fridtjof KüchemannWann sein neues Album endlich erscheinen solle, wurde Peter Gabriel einst gefragt. Seine Antwort: „Ich würde sagen, Ende des Jahres, vielleicht auch früh im neuen Jahr.“ Das war im Sommer 1996, und seitdem hat die Plattenfirma in löblicher Unbeirrbarkeit einen Termin nach dem anderen angekündigt und revidiert, während der exzentrische Musiker einen Termin nach dem anderen versprochen hat und verstreichen ließ, immer noch unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit.
Inzwischen liegen zwei Promo-Versionen des seit insgesamt zehn Jahren erwarteten neuen Solo-Albums „Up“ vor, und die Chancen, dass es tatsächlich am kommenden Montag in den Plattenläden zu finden sein wird, stehen nicht schlecht. Das Ende eines Dramas. Aber was sonst verbindet man mit Peter Gabriel, seit den goldenen Art-Rock-Zeiten seiner Urband Genesis in den frühen Siebzigern, wenn nicht Theatralität und Großformatiges?
Opus magnum
Zehn Jahre soll der Brite an „Up“ gearbeitet haben, eine lange Zeit mit Unterbrechungen - um zu heiraten und eine Familie zu gründen, Weggefährten ein letztes Geleit zu geben, Film- und Eventmusiken zu komponieren und das eigene Weltmusik-Label und Aufnahmestudio „Real World“ zu betreiben. Zehn Jahre auch für einen Sammler und Bastler wie Gabriel, um Material anzuhäufen, auszuwerten, zu verwerfen, zu organisieren.
Unzählige Ideen und ganze 130 Songs soll es zwischenzeitig gegeben haben, von denen 25 durchgearbeitet, 13 ausgewählt und schließlich zehn auf dem neuen Album versammelt worden sind. Aufnahmeorte: in den französischen Alpen, im Senegal, in einem schwimmenden Studio auf dem Amazonas - und daheim in Real World. Immerhin: Andere Popmusiker nennen ihr Zuhause Neverland.
Tempi et mores
Das Zuhause an sich, aber auch der Aufbruch, das Heranwachsen, der eigene Platz in dieser Welt, die Menschlichkeit im allgemeinen, die Unmenschlichkeit in unserer sensationsgeilen Mediengesellschaft, die eigenen Ängste und ihre Bändigung - das sind Gabriels Themen seit jeher. Und noch heute. Auch die musikalische Ästhetik Gabriels ist vertraut: collagenhaft organisierte Songs mit teils inbrünstig gesungenen, teils äußerst schlichten, repetitiven Melodien, eine Fülle exotischer, synthetischer und manipulierter Sounds, eigenwillig verschliffene Rhythmen, dazu der großartige perkussive Bass von Tony Levin.
Freilich: Wenn man den Schnulzendetektor an Gabriels Album hält, schlägt der schon mal aus. Und wenn man den Weltverbesserungsindikator in die Texte tunkt, färbt er sich schon mal signalrot. Allerdings stecken die zehn Tracks auch voller guter Ideen, eigenwilliger und geschmackvoller Klangkombinationen, geistreicher Arrangements und inspirierter Spielereien. Und auch textlich gelingt dem 52-Jährigen das eine oder andere Bild von bleibendem Wert. Das bemüht blutige Video zur Single-Auskopplung „The Barry Williams Show“ allerdings, bei dem Sean Penn Regie geführt hat, hätte sich Peter Gabriel ruhig sparen können. Auch wenn es die Plattenfirma beglückt als „umstritten“ vermarkten kann: Der Musik des Briten nützt es ebenso wenig wie seiner Idee.
„Up“ ist ein High-End-Album geworden. Von einem besessenen Soundtüftler, der bei aller Materiallust immer auch luftige Strecken in seinen Songs lassen kann, für Zeitgenossen mit großen, guten Boxen. „Zeitgenossen“ ist überhaupt ein gutes Stichwort: Wahrscheinlich ist es Peter Gabriels Interesse an Produktionstechnik und den neuen Möglichkeiten zu verdanken, dass er trotz 30-jähriger Laufbahn, unverwechselbarer Stilistik und zehnjähriger Arbeit an diesem Album mit ihm letztlich in der Gegenwart angekommen ist.