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Peter Falkai über Schönheitssucht : Endlich einsehen: Das ist mein Gesicht

  • Aktualisiert am

Peter Falkai Bild: picture alliance / dpa

Für manchen Kunden wäre ein Gang zum Therapeuten sinnvoller als eine Botox-Spritze: Peter Falkai, Direktor der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, ist besorgt über die grassierende Schönheitssucht.

          Herr Falkai, wer heutzutage zu seinem Hausarzt geht, fragt sich bisweilen verwundert, ob er sich vielleicht in der Tür geirrt hat. Die Werbung für Botox und andere Verschönerungsmaßnahmen ist in den Wartezimmern inzwischen allgegenwärtig. Müssen wir uns Sorgen machen?

          Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein unheimlich hoher Leistungsdruck herrscht. Wenn ich perfekt durchgestylt bin, gut aussehe - also jugendlich und frisch -, dann bin ich gleichzeitig erfolgreicher. Wir sind auf dem besten Weg, zu verlernen, was es bedeutet, in Würde zu altern. Viele haben es bereits verlernt. Es fängt mit kleinen Dingen wie Altersflecken an, die ja nun mal dazugehören, aber trotzdem von den allermeisten als sehr störend empfunden werden. Dann sind da Falten, Schlupflieder, Tränensäcke, Besenreißer. Und gegen alles gibt es eine passende Spritze. Niemand möchte so alt aussehen, wie er ist. Aber was wäre daran eigentlich so schlimm? Der Trend zur Körperoptimierung bereitet mir tatsächlich Sorgen.

          Ein beliebter Spruch lautet: 40 ist das neue 30. Welche Altersgruppe ist besonders gefährdet, der Optimierung zu verfallen?

          Natürlich junge Erwachsene, die sich nicht so entwickeln, wie sie es sich erhofft haben, deren Busen zum Beispiel nicht wie gewünscht wächst oder eben mehr als gewünscht. Dann Frauen ab Mitte dreißig. In der Regel kommen dann die ersten Falten und Augenringe, die sich nicht mehr so leicht wie früher wegschminken lassen. Die Haut wird schlaffer. Männer haben bekanntermaßen mit der Zahl 50 oft ein großes Problem.

          Aber entscheidend ist doch trotz allem das eigene Selbstbewusstsein, oder?

          Es ist absolut zentral. Wie nehme ich meinen Körper, wie nehme ich mich selber wahr? In den Spiegel zu schauen und Tränensäcke zu entdecken ist nicht das Problem. Die entscheidende Frage ist, wie bewerte ich, was ich sehe. Sind Tränensäcke okay für mich oder nicht? Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Typen. Manche brauchen unheimlich viel Rahmen, um sich wohl zu fühlen, sowohl in Hinblick auf Kleidung als auch Make-up und Frisur. Andere laufen vernachlässigt durch die Gegend, unrasiert, mit fettigen Haaren, und merken es erst, wenn sie jemand darauf aufmerksam macht.

          Je uneitler ich bin, desto besser also.

          Im Prinzip, ja. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass Menschen, die beruflich Erfolge feiern wollen, auch immer ein wenig eitel sein, über einen Grundehrgeiz verfügen müssen. Gefährlich wird es, wenn die Eitelkeit mit einem mangelnden Selbstbewusstsein, einer gestörter Selbstwahrnehmung verbunden ist.

          Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen wie Depressionen, die in unserer Gesellschaft offenbar kontinuierlich zunehmen?

          Eine sehr wichtige, weil Menschen in einer seelischen Krise häufig unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Im Rahmen der Behandlung psychisch erkrankter Menschen taucht übrigens immer wieder das Thema Sexualität auf. Da eröffnet sich eine ganze Welt, auch begrifflich, in der beispielsweise zwischen Sex und Top-Sex unterschieden wird. Die Vorstellung, dass an jeden Beischlaf automatisch ein Orgasmus gekoppelt ist, ist weiter verbreitet, als man denkt. Solche Diskussionen habe ich noch vor zehn, fünfzehn Jahren jedenfalls nicht geführt.

          Ist, wer sich regelmäßig Botox spritzen lässt, bereits hochgradig gefährdet?

          Nein. Ich lasse mir zum Beispiel meine Haare färben, weil ich finde, dass es mich frischer aussehen lässt. Mit Pathologie hat das nichts zu tun.

          Hatten Sie schon mit Fällen von Schönheitssucht zu tun?

          Ja. Ich behandelte zum Beispiel einmal eine Patientin, die besessen war von ihrem Unterkiefer. Sie empfand ihn als zu groß. Sie hatte einen regelrechten Wahn entwickelt und sich mehreren Operationen unterzogen - aber mit dem Ergebnis war sie trotzdem nie zufrieden. Sie hatte das Gefühl, hässlich zu sein, sie meinte, sie könne sich in der Öffentlichkeit nicht mehr blicken lassen und unmöglich mit ihrem Mann ausgehen. Ein Chirurg hat schließlich erkannt, dass dieser Frau mit einer weiteren Operation nicht geholfen ist, und hat sie zu mir geschickt. Es hat Jahre gedauert, bis sie mit Hilfe einer Gesprächstherapie aus diesem Teufelskreis herausgefunden hat.

          Magersucht ist durchaus vergleichbar mit der Sucht nach Drogen. Ist es auch möglich, an einer Sucht nach Schönheitsoperationen zu erkranken?

          Man kann tatsächlich eine Sucht nach dem Perfekten entwickeln - wie bei anderen Süchten auch ist die Befriedigung stets nur von kurzer Dauer.

          Wie helfen Sie den Betroffenen ganz konkret?

          Zuerst findet eine Analyse der Problematik und der Persönlichkeitsstruktur statt. Abhängig davon kann man dann gezielt im Rahmen einer Psychotherapie zum Beispiel die Persönlichkeitsstruktur stärken und die Fehlwahrnehmung des Körpers korrigieren.

          Die Fragen stellte Melanie Mühl.

          Quelle: F.A.Z.

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