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Peter Eötvös zum 70. : Komponist, Dirigent und Psychoanalytiker

  • -Aktualisiert am

Peter Eötvös Bild: dpa

Opern mit existentiellen Fragen brauchen mehr als bloßes Einsatzgeben und Taktschlagen. Zum 70. Geburtstag von Peter Eötvös.

          Auch die Neue Musik kennt ihre historischen Ereignisse: Nicht nur Strawinskys „Sacre“ vor hundert Jahren, auch, nur ein Beispiel: das Konzert zur Eröffnung des Pariser IRCAM anno 1978. Pierre Boulez hatte dafür als Dirigenten des Ensemble Intercontemporain einen ungarischen Musiker eingeladen, der in den Jahren zuvor schon als Pianist und Schlagzeuger im Stockhausen-Ensemble hervorgetreten war und außerdem eng mit dem Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks Köln zusammenarbeitete: Péter Eötvös, in Székelyudvarhely (sprich es aus, wenn du kannst!) in Transsylvanien geboren, muss Boulez und das Ensemble so eindringlich überzeugt haben, dass sie ihm umstandslos die Leitung des „Intercontemporain“ anvertrauten.

          Von der Theaterleidenschaft zur Oper

          Eötvös formte aus dem Ensemble eine wahre Uraufführungsmaschine, bis 1991 addierte sich die Zahl der neuen Werke auf über zweihundert, darunter so gewichtige Kompositionen wie Harrison Birtwistles „Earth Dances“ oder Helmut Lachenmanns „Mouvement - Vor der Erstarrung“. In der Neuen Musik genügen Einsatzgeben und Taktschlagen alleine nicht. Péter Eötvös hatte schon als Vierzehnjähriger bei Zoltán Kodály an der Budapester Musikakademie Komposition studiert und dann in Köln ein Dirigierdiplom erworben. Die Doppelbegabung vereinte er geradezu ingeniös. Hinzu trat eine von Geist und Temperament gespeiste Theaterleidenschaft, die ihn fast zwangsläufig zur Oper führte.

          Nach einigen kleineren Kammeroper-Formaten („Radames“, „Chinese Opera“) gelang Eötvös der entscheidende Durchbruch als Opernkomponist mit den 1998 an der Opéra de Lyon uraufgeführten „Trois sœurs“ nach Anton Tschechows Schauspiel „Drei Schwestern“. Eötvös und sein Librettist Claus H. Henneberg lösten sich von der tradierten Literatur-und Erzähloper, führten stattdessen ein verändertes Raumdenken und die Akzentuierung von Zeitverläufen in den Handlungsablauf ein. Tschechows „heldenlose“ Menschen finden sich in einem geschlossenen gesellschaftlichen Raum gesperrt, die Zeit dringt hier nicht mehr ein, aber sie schreitet gleichsam unmerklich und unaufhaltsam fort - eine schmerzhafte Spannung in den Menschen erzeugend, die sich in stille Resignation flüchteten.

          Der Betrachter leide mit

          Um diesen Prozess erfahrbar zu machen, erfanden Komponist und Librettist eine veränderte Dramaturgie. Drei Personen des Theaterstücks, zwei der Schwestern und der Bruder, betrachten aus ihrer persönlichen Sicht die Vorgänge der Handlung, die mit dem vierten Akt beginnt und dort auch wieder endet. Eötvös „komponierte“ dazu eine genau kalkulierte Musik, die nicht nur den einzelnen Personen individuelles Profil verleiht, sondern tief in den geheimen Seelenschmerz der Tschechow-Menschen eindringt, sie gleichsam psychisch seziert.

          Die Figuren werden förmlich psychiatrisiert, wodurch ihr Leiden auf den heutigen Betrachter schmerzhaft überspringt. Dass die drei Schwestern in der Uraufführung dazu noch von hohen Tenören statt von Sängerinnen dargestellt wurden, die Inszenierung fern aller planen Realistik eine fernöstliche Kabuki- und No-Theaterdistanz wahrte, verschärfte noch den objektivierenden Beobachtungsdruck auf das Geschehen.

          Diese Nähe zu den Menschen, ihren Leiden, ihren Bedrängungen, beschäftigte Eötvös auch in seinen weiteren Opern. Und er findet jeweils zu allem eine Musik voll dunkler Schönheit, voller Geheimnis, von oft emotionaler Überwältigung auch und gerade in ihrer ungewohnten inneren Ruhe. Die Kammeroper „As I crossed a bridge of dreams“, auf Tagebuchnotizen einer japanische Hofdame aus dem frühen elften Jahrhundert beruhend, woraus später die „richtige“ Oper „Lady Sarashina“ erwuchs, in seiner Genet-Oper „Le Balcon“, einer Bordell-Metapher für den Zustand unserer wirklichen Welt, in der Oper „Angels in America“, eine Projektion auf das Amerika der McCarthy-Ära (nach Tony Kushners Theaterstück): stets wirft Eötvös den Blick auf ein humanes Panorama, das oft schon verlorengegangen scheint.

          Das prägte auch seine letzten Arbeiten für die Bühne, die García-Márquez-Oper „Von der Liebe und anderen Dämonen“ und die „Tragödie des Teufels“. Der Teufel ist der Mensch selbst, so heißt es da. Eötvös-Opern stellen unablässig existentielle Fragen, für die der Komponist musikalisch eindringliche, oft überwältigende, auch bedrängende Antworten erfindet. Am 2. Januar 2014 wird Péter Eötvös siebzig Jahre alt. Am 29. Juli 2014 wird an der Frankfurter Oper seine nächste Oper uraufgeführt: „Der goldene Drache“, nach dem Roman Roland Schimmelpfennigs.

          Quelle: F.A.Z.

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