Peter Berling, 1934 geboren und seit 1969 wohnhaft in Rom, Trastevere, in einer kleinen Wohnung mit großer Dachterrasse, war Grafiker, Filmproduzent, Impresario, Schauspieler, Journalist, Schriftsteller. Bei Alexander Kluge tritt er gerne in historischen Rollen auf, in deutschen Filmen gibt er den Nebenrollen ein gewisses Gewicht. Vor einem Jahr sind seine Memoiren erschienen, „Hazard & Lieblos“ (Hoffmann und Campe), und wie das bei großen, dicken Büchern so ist: Sie brauchen ihre Zeit.
Herr Berling, Sie haben Ihre Erinnerungen geschrieben, fast 650 Seiten, und wenn es ein Film wäre, würde man sagen: prominente Besetzungsliste. Von Karl Heinz Bohrer, dem ehemaligen Herausgeber des „Merkurs“, über Rainer Werner Fassbinder bis zu Brigitte Bardot...
...und weil ich Namedropping hasse, habe ich manche gar nicht erwähnt. Heidegger, Furtwängler, Marcel Marceau. Ich hatte das Glück, sehr viele interessante Menschen kennenzulernen...
Sie wirken nicht wie jemand, der es darauf anlegt, irgendjemanden kennenzulernen.
Ich war Filmproduzent, Konzertimpresario, es war mein Job, überall meine Finger drin zu haben. Ich musste viele Leute kennen.
Karl Heinz Bohrer haben Sie schon als Schüler getroffen, im Internat Birklehof.
Wir waren in derselben Klasse, sogar im selben Zimmer.
Hatten Sie da schon eine Ahnung, was aus ihm werden würde?
Wir haben nicht darüber gesprochen. Aber Bohrer war eine herausragende Figur. Er war anders, größer, besser. Es war klar, dass es ihn zu den Geisteswissenschaften zog.
Und Sie?
Ich wollte Architekt werden. Ich machte mir aber nicht allzu viele Gedanken darüber. Es war ja ein besonderes Internat, man verließ die Schule in dem Glauben, dass man alles werden könnte.
Was so ähnlich ja auch gekommen ist. Sie waren Grafiker, Filmproduzent, Schauspieler. Sie schreiben historische Romane, haben jetzt Ihre Erinnerungen veröffentlicht. Karl Heinz Bohrer hat im Frühjahr eine quasi-autobiographische Erzählung vorgelegt. Anscheinend müssen die Männer Ihrer Generation den Jüngeren noch dringend etwas mitteilen.
Wir sind die Letzten, die den Krieg bewusst miterlebt haben. Ich war elf, Bohrer ist zwei Jahre älter.
Ihre Erinnerungen machen nicht viel Aufhebens vom Krieg.
Ich habe keine traumatischen Erlebnisse gehabt. Der Krieg lief wie ein großes Abenteuer. Nachts kamen Flugzeuge und warfen Bomben ab, man musste sehen, dass man nicht getroffen würde. Und am nächsten Tag konnte man die Splitter auf der Straße aufsammeln und schauen, ob man die schönsten hatte.
Für die Gleichaltrigen, die vertrieben wurden, muss es schrecklich gewesen sein. Zu jung, Schuld auf sich zu laden, alt genug, zu büßen.
Ich hatte Glück, dass all das an mir vorübergegangen ist. Dass mein Großvater Jude war, habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Hätte ich es gewusst, hätte mich das womöglich auch traumatisiert. Ab und zu kam mal ein Päckchen, aus Theresienstadt, mit den Souvenirs von Tante Paula oder so. Aber was Theresienstadt war, davon hatte ich keine Ahnung.
Ihr Vater, der Architekt Max Berling, hat seinen Namen geändert. Ursprünglich hieß er Berliner.
Er wollte kein Jude sein, er wollte sein Leben lang kein Jude sein. Der neue Name stellte klar, was längst vollzogen war. Von ihrer Religion her waren die Berliners keine Juden mehr, sie waren schon im 19. Jahrhundert zum Protestantismus konvertiert, konservative Bürger, deutschnational. Mein Großvater, Eugen Berliner, hatte eine Fabrik in Moskau. Sein Bruder Alfred war Vorsitzender der Siemens-Schuckertwerke. Und saß bis 1937 im Aufsichtsrat.
Ihr Vater war Architekt im Büro von Hans Poelzig in Berlin.
Beide, meine Mutter und mein Vater. Sie waren beteiligt an den Entwürfen fürs Rundfunkhaus in der Masurenallee, fürs Babylon-Kino am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz. Nach dem Krieg und zwölf Jahren Berufsverbot hat mein Vater als Architekt nie wieder zu dieser Form zurückgefunden.
In Ihrem Buch gehen Sie auch der Herkunft Ihrer Mutter nach.
Ja, sie kam aus einer baltisch-deutschen Familie, die aber ihre Ahnenreihe bis zur französischen Familie derer von Montmorency zurückführte. Sie war in St. Petersburg geboren und sprach oft Russisch mit mir. Wenn ich an meine Mutter denke, dann habe ich sofort die russischen Wiegenlieder im Ohr, mit denen sie ihren Petruschka in den Schlaf gesungen hat.
Dass Sie Filmproduzent wurden, war ein Zufall.
Mehr oder weniger. Ich wohnte in Schwabing, in der Ainmillerstraße, wo auch Alexander Kluge, Peter Schamoni und Enno Patalas wohnten. Patalas, der Filmhistoriker, sagte eines Tages zu mir: Du kannst doch so gut organisieren. Willst du nicht einen Film produzieren? Ich kenne einen jungen Rechtsanwalt, der will einen Film drehen und braucht einen Produzenten. So habe ich Alexander Kluge kennengelernt und seine ersten Kurzfilme produziert.
Sie hatten andere Pläne?
Ich war auf der Akademie und stand vor einer Karriere als Gebrauchsgrafiker. Allerdings wurde mir schnell klar, dass ich nie ein Ass werden würde. Also habe ich mich aufs Organisieren verlegt.
Schreiben Sie nicht auch, dass man Sie „Don Chaos“ nannte?
Das war später. Und dieser Name hat sich nicht durchgesetzt. Mein Spitzname war „Mutti“.
Klingt nach einer Fassbinder-Gemeinheit.
Es war nicht böse gemeint. Bei den Dreharbeiten zu „Whity“, einem der ersten Filme mit Fassbinder, zettelte Hanna Schygulla einen Aufstand an: Wir lassen uns von Berling nicht herumkommandieren! Da stieg Fassbinder auf einen Stuhl und brüllte: Alle mal herhören. Was die Mutti sagt, wird gemacht. Er meinte mich, und seither hatte ich diesen Namen weg.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Das erste Mal, dass wir uns begegneten, lag ich im Bett seiner Freundin, die auch seine Agentin war. Er kam herein und holte sich etwas zum Anziehen aus dem Kleiderschrank. Bei unserer zweiten Begegnung hatte ich eine Rolle in seinem Debütfilm „Liebe ist kälter als der Tod“. Ich war der Mann, der Ulli Lommel eine Maschinenpistole verkaufte. Und Ulli Lommel sollte sie gleich an mir ausprobieren. Ich war sehr erleichtert, als ich sah, dass es wirklich nur Schreckschussmunition war.
So wie Sie das Leben in Schwabing beschreiben, hat man den Eindruck, dass die sexuelle Befreiung lange vor 68 angefangen hat.
Das Einzige, was ich mit den 68ern zu tun hatte, waren die Filmfestspiele in Cannes in jenem Frühjahr. Ich war mit Klaus Lemke dort, und dann stürmten Leute die Bühne und erklärten das Festival für geschlossen. Wir fanden das gar nicht witzig.
Sie mochten die Studenten nicht?
Ich fand sie furchtbar. Wenn einer zu mir sagte, du kannst nicht mitreden, du hast Karl Marx nicht gelesen, dann habe ich geantwortet: Ich will nicht mitreden. Ich will Filme machen.
Mit Klaus Lemke haben Sie nur einen Film gemacht.
Ja, „Negresco - eine tödliche Affäre“, 1967, und der war ein Flop. Wir wollten unbedingt Ira von Fürstenberg, die damals die Königin des Jetsets war, für die Hauptrolle. Sie mochte aber unseren Hauptdarsteller, Gérard Blain, nicht; es stimmte nicht zwischen den beiden, und so haben wir die Geschichte umgeschrieben, wo Liebe sein sollte, war Hass, es hat überhaupt nicht funktioniert.
Sie lieben das schicke Leben?
Das außerordentliche! Ich mag elegante Kleidung, schicke Oldtimer, Grandhotels.
Schicke Frauen?
Schlanke. Der Grund, warum ich 1968 mit Lemke in Cannes war: Wir wollten Brigitte Bardot dazu überreden, die Hauptrolle in unserem nächsten Film zu spielen. Sie sagte uns eine Gastrolle zu. Sie würde im Sommer, wenn wir auf Sardinien drehten, mit dem Boot kommen. Sie kam tatsächlich, aber wir waren nicht da. Aus dem Film war nichts geworden, und ich hatte Brigitte Bardot versetzt.
Der frühe Fassbinder war das genaue Gegenteil. Billige Filme, schäbige Schauplätze, Münchner Vorstadttristesse.
Fassbinder hatte durchaus einen Sinn für Glamour. Er wusste nur nicht, wie man es anstellt. Ich bin als Erstes nach Spanien gefahren und habe als Drehort für „Whity“ das Westerndorf von Sergio Leone besorgt, wo er seine Italowestern mit Clint Eastwood gedreht hatte. Das hat Fassbinder gefallen. „Warnung vor einer heiligen Nutte“ haben wir in zwei Luxushotels in Sorrent gedreht, das fand Fassbinder auch ziemlich toll.
Warum haben Sie aufgehört mit den Filmen?
Spätestens nach „Whity“ hatte ich einen soliden Ruf als Produzent von Flops. Wenzel Lüdecke, der Besitzer der Berliner Synchronstudios, dessen Geld drinsteckte, meinte, dieser auf Spanisch gedrehte Film sei so schlecht, es lohne sich nicht mal, den zu synchronisieren. So landeten die Filmrollen im Lager. Und ich machte nur noch Koproduktionen, war Produktionsleiter, ich merkte, dass aus meinen großen Plänen nichts mehr würde.
Was für Pläne waren das?
Ich wollte große, kolossale Filme drehen, Historienschinken, Kreuzzugsfilme, das war eigentlich mein Ziel: Hollywoodkino in Europa, nicht nur in Deutschland. Von heute aus betrachtet, bin ich gescheitert als Filmproduzent.
Interessieren Sie sich noch fürs Filmgeschäft?
Heute guckt jeder: Bekomme ich Förderung? Man baut da etwas zusammen, aus Fernsehmitteln, Filmförderung, öffentlichen Geldern.
Das war anders zu Ihrer Zeit?
Ja. Als ich das Geld für „Negresco“ zusammenkratzte, kannte ich jemand von Rialto-Film in Zürich. Der gab mir 100.000 Mark. Dann bin ich zur Constantin, die meinten: 200.000 kannst du haben. Und so ist man dann losgezogen. Bei Fassbinder ging es um noch kleinere Summen. Oder Herzog, „Aguirre, der Zorn Gottes“. Da hatten wir gerade 90.000 Mark, mit denen haben wir angefangen.
Mit Ihren historischen Romanen, scheint mir, spielen Sie größere Summen ein.
Mit dem Romanzyklus „Die Kinder des Gral“ habe ich allein in Deutschland 450.000 Bücher verkauft. Aber wenn mich hier jemand anspricht, dann hat er mich garantiert in einem Film mit Helge Schneider gesehen. Oder in einer Sendung von Alexander Kluge. Erstaunlich viele Taxifahrer schauen sich Kluges Sendungen an.
Und in anderen Ländern?
In Frankreich kennt man mich als Autor. In Spanien war ich wochenlang auf dem ersten Platz der Bestsellerliste. Und dort war ich auch mal in eine Fernsehsendung eingeladen, da musste ich mit dem Großmeister des Templerordens diskutieren. Hinterher meinte er, ich solle Mitglied des Ordens werden. Ich bin doch kein Katholik, sagte ich. Und er sagte nur: Wenn Sie es so genau nehmen wollen.
Ist es Ihnen zu eng in Deutschland geworden?
Ich habe mich nie beengt gefühlt. Aber ich habe mich auch nie stark gebunden gefühlt. Ich bin nicht gerade ein deutscher Patriot. Und was in den Nachkriegsjahren so wichtig war, das anständige, bürgerliche, gesicherte Leben, das war in unserer Familie nie ein Thema. Ich war in meinem Leben niemals fest angestellt. Ich habe Anstellungen gemieden wie die Pest. Ich fand es immer schön, nicht zu wissen, was morgen ist.