29.12.2006 · Im Pop sind viele Fehltritte verzeihlich, wenn nur „die Attitüde“ („Die Ärzte“) stimmt. Von einer Kokospalme auf den Fidschi-Inseln zu fallen, erregt hingegen Schadenfreude. Und bei Pete Doherty kann man längst von einem freien Fall sprechen.
Im Pop sind viele Fehltritte verzeihlich, wenn nur „die Attitüde“ („Die Ärzte“) stimmt, aber nicht alle. Vom Baum zu fallen kann jedem passieren. Wenn es sich aber um eine Kokospalme auf den Fidschi-Inseln handelt, hält sich das Mitleid auch für einen Keith Richards in Grenzen.
Bei Pete Doherty kann man ohne Schadenfreude längst von einem freien Fall sprechen. Seine Pannenstatistik für 2006 verzeichnet unter anderem: verpaßte Flieger, verlegte Ausweise, ungeeignete Paßfotos (mit Zigarette!) für die Neuausstellung, überraschende Arzttermine, ungelegene Verhaftungen, Popstar-Schicksalsschläge eben. Schließlich noch der Stress durch das unverhoffte Comeback seiner Freundin Kate Moss. Immerhin hat Doherty mit seiner neuen Band „Babyshambles“ zum Jahresende eine scheppernde Fünf-Song-EP hingerotzt, die von Leuten, die wohl sonst wenig hören, zum Meisterwerk erklärt worden ist. „Wie macht der das bloß immer wieder?“ fragt sich meine Freundin Maria (die bezeichnenderweise auch Yusuf Islam verfallen ist). „Der kennt wohl das geheime Glockenspiel.“ Vor mehr als vier Jahren lösten die „Libertines“ mit ihrem genialischen Debüt einen neuen Brit-Rock-Aufschwung aus, der heute, wie den Novitäten - „Arctic Monkeys“, „The Kooks“, „The Rifles“ - anzuhören, auf hohem Niveau stagniert. Überraschendes ist aus einem rein retrospektiven Blickwinkel auch im neuen Jahr kaum zu erwarten; originelle Ideen wachsen nicht auf den Bäumen, die schon von Rockdinosauriern nach verbotenen Früchten abgeklappert wurden. Es wäre Zeit für Neuschöpfung statt Erbsünde. Statt dessen kommen im Sommer auch noch „Genesis“ zurück.