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Person des Jahres 2012 Alle total Malala

 ·  Es begann mit Blogeinträgen über das Leben mit den Taliban. Dann schossen ihr diese in den Kopf. Nun ist Malala Yousafzai. auf der Liste der Personen des Jahres 2012 - und zu einer politischen Ikone geworden.

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© REUTERS Fest gehalten: Malala Yousafzai mit ihrem Vater und einem ihrer Brüder im Krankenhaus in Birmingham

Sie sind wieder da, die Listen und Rankings, in denen steht, was und vor allem wer die vergangenen zwölf Monaten geprägt hat. Ende November veröffentlichte „Foreign Policy“ ihr Ranking der hundert einflussreichsten Denker, kommende Woche entscheiden die Leser unter anderem von „Time“ und „Guardian“ über die „Person des Jahres 2012“. Die Abstimmungen sind Aufforderungen zum Nachdenken darüber, wer einen ganz persönlich in diesem Jahr bewegte, wer bedeutend war. Bedeutend aber sind Menschen nur, wenn sie Bedürfnisse von uns befriedigen, und schon jetzt ist absehbar, dass diesmal ein weiblicher Name sehr weit vorne stehen wird. Die Rede ist von Malala Yousafzai.

Malala ist noch keine Frau, sie ist 15 Jahre alt: Malala, eine Schülerin aus dem pakistanischen Swat-Tal, hat Beiträge für ein Blog über den Alltag unter Taliban geschrieben und sich für die Bildung von Frauen engagiert. Am 9. Oktober schoss ihr ein Talib in den Kopf. In einer Spezialklinik in England bemühen sich Ärzte um ihre Genesung. Und ihr Bild geht um die Welt: Ein Mädchen mit braunen Augen, scheuem Lächeln; unter dem locker gebundenen Kopftuch schaut der Haaransatz hervor. Millionenfach wurde sie so gezeigt. Meistens in Verbindung mit einem anderen Foto: Malala im Krankenbett mit Kopfverband, leerem Blick, fahler Haut. Dieses Foto hat ein Reuters-Fotograf gemacht. Es wird bei der Agentur unter der Rubrik „Bilder des Jahres 2012“ geführt.

Sympathie der Prominenz

Eine Welle der Aufmerksamkeit schwappt seit der Veröffentlichung dieses Fotos über die westliche Welt: Madonna zeigte auf der Bühne einen „Malala“-Schriftzug auf nacktem Rücken, Angelina Jolie hat das Mädchen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Eine deutsche Wochenzeitung erklärte Malala zur „Kriegsversehrten an der jüngsten Front des Feminismus“, Sarah Brown, Ehefrau des ehemaligen britischen Premierministers, forderte über Twitter Solidarität mit Malala, und Laura Bush verglich sie mit Anne Frank. Auch auf Staatsebene wird Malala Bemerkenswertes zuteil: Barack Obama, EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schickten Genesungswünsche ins Krankenhaus. Der pakistanische Armeechef Ashfaq Kayani und Innenminister Rehman Malik besuchten das Mädchen daraufhin. Und auch der afghanische Präsident Hamid Karzai, von dem bekannt ist, dass er sich nur am Rande für die Rechte von Mädchen und Frauen interessiert, beeilte sich mit Solidaritätsbekundungen. Wenn es um Malala geht, kann man sich Schweigen offenbar nicht leisten. Alles andere macht einen verdächtig in der westlichen Welt.

In dem Moment, als auf Malala geschossen wurde, rastete ein Mechanismus ein, in dessen Räderwerk schon andere Frauen geraten sind. Als 2010 die Iranerin Neda Agha-Soltan vor laufender Kamera bei einer Demonstration durch eine Kugel starb, wurde ihr Antlitz über Nacht zum weltweiten Symbol der iranischen Protestbewegung. Ähnliches passierte, als das „Time Magazine“ das Foto von Bibi Aisha zeigte, das afghanische Mädchen mit abgeschnittener Nase. Alle drei sind junge schöne Frauen, von denen es Vorher-nachher-Inszenierungen gibt: Scheu lächelnd, mit Kopftuch, marienhaft. Und nun, da das Böse in Gestalt religiöser Fanatiker sie berührt hat, ist die eine tot, die andere bis an ihr Lebensende gezeichnet, die dritte hat schwere Schussverletzungen, von denen man noch nicht weiß, ob sie dauerhafte Schäden hinterlassen werden.

Das Symbol des verwundeten weiblichen Körpers

Als die Bilder der toten Neda um die Welt gingen, hat die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen in einem Interview auf die Wirkungsmacht des verwundeten oder toten jungen weiblichen Körpers verwiesen. Unsere Wahrnehmung solcher Bilder sei von der Kunstgeschichte geprägt, die Ikonisierung des weiblichen Todes greife auf eine lange Bildgeschichte von durch Männer gemarterten Frauen zurück. Offenbar entfaltet dieses Martyrium eine voyeuristische Anziehungskraft, der die Politik und wir uns nicht entziehen können.

Malala ist zu einer Projektionsfläche für die jeweilige politische Agenda geworden. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto schwindeliger wird einem dabei: Radikale Islamisten, die noch immer damit drohen, Malala umzubringen, halten sie für eine amerikanische Spionin. Für andere ist sie eine Vorkämpferin für westliche Ideale, für Freiheit, Bildung, Geschlechtergleichheit. Im Internet gibt es seitenlange Diskussionen allein darüber, was für ein Vorbild Malala hat: Die afghanische Politikerin Malalai Joya, tönen die einen - Joya kämpft für Frauenrechte, verurteilt aber den Nato-Einsatz in ihrem Land. Andere sind sich dagegen sicher, dass Malalas Idol Barack Obama sei. Von ihrem Krankenbett aus postet Malala Einträge auf Facebook. Sie schreibt Sachen, die fünfzehnjährige Mädchen schreiben und dem Alter angemessen sind. In dieser Woche zum Beispiel: „Ein Lächeln kann der Beginn einer Freundschaft sein. Ein Wort kann einen Streit beenden. Ein Blick kann eine Beziehung retten. Ein Mensch kann Dein Leben verändern.“ Was ist mit Malalas Leben passiert?

„Gul Makai“ - „Kornblume“

Im Porträt von „Foreign Policy“, das anlässlich des Jahresend-Rankings geschrieben wurde, steht, Malala habe in wenigen Jahren erreicht, wofür andere Aktivisten ein ganzes Leben brauchen. Genau genommen war sie elf, als ihr Tagebuch Anfang 2009 auf der Internetseite der BBC veröffentlicht wurde, unter dem Namen „Gul Makai“ - „Kornblume“. Insgesamt zehn Wochen lief ihr Blog. Kurz zuvor hatte BBC Urdu versucht, Lehrer im Swat-Tal aufzutreiben, die über ihr Leben unter den Taliban schreiben. 150 Schulen hatten die bärtigen Gotteskrieger da schon zerstört, und nun sollte Mädchen der Schulbesuch generell verboten werden. Kein Lehrer traute sich. Da schlug ein Mann namens Ziauddin Yousafzai, seinerzeit Schulleiter und politischer Aktivist, seine Tochter als Autorin vor. Es war die Geburtsstunde von „Gul Makai“.

Ihre Blogeinträge sind klare, kurze Notizen. Mal schrieb „Gul Makai“ über einen sechzehnjährigen Jungen, der sich den Taliban angeschlossen und sich bei einem Selbstmordattentat getötet hatte, dann über ihre Trauer am Schultag vor den Ferien: „Der Direktor kündigte die Ferien an, sagte aber nicht, wann die Schule wieder öffnet. Die Mädchen haben sich nicht sehr über den Ferienbeginn gefreut. Sie wussten, dass sie nicht mehr zurückkommen können, sollten die Taliban ihre Verordnung umsetzen.“

Der Angriff macht sie berühmt

Nachdem die pakistanische Armee im Mai die Taliban in Swat zurückgedrängt hatte, entschied ihr Vater, die wahre Identität von „Gul Makai“ preiszugeben. Denn er hofft, dass sie einen internationalen Friedenspreis gewinnt. Regelmäßig ist Malala nun zu Gast im pakistanischen Fernsehen, spricht über Bildung und Frauen. Sie wird zur Vorsitzenden des Kinderrates von Swat gewählt. Von Desmond Tutu für den Internationalen Kinder-Preis vorgeschlagen, dann für den Internationalen Kinder-Friedens-Preis nominiert. Der „New York Times“-Reporter Adam B.Ellick besucht die Familie und dreht für seine Zeitung die Dokumentation „Class Dismissed“ über Malala und ihren Vater. Im Dezember 2011 erhält Malala den pakistanischen Friedenspreis, sie gründet die „Malala Education Foundation“ und sagt Anfang 2012 gegenüber einer pakistanischen Zeitung, dass sie eine eigene Partei ins Leben rufen wolle. Ihr Fokus soll auf Bildung liegen. Keine zehn Monate später stürmen Taliban in ihren Schulbus und schießen auf sie.

In Pakistan war Malala schon damals wegen ihres mutigen Engagements bekannt. Eine Ikone im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt war sie nicht. Der Vorhang zur Weltbühne wurde erst aufgerissen, als sie fast gestorben wäre. Anders gesagt: Würde Malala jetzt nicht im Krankenhaus liegen, sondern mit anderen Kindern im Kinderrat von Swat diskutieren, dann müsste sie weiter um Aufmerksamkeit kämpfen. Malala wäre auf keiner Liste der bedeutendsten Personen 2012 gelandet. Erst in dem Moment, in dem sie fast starb, durch die Hände der Taliban, also jene, die im Moment als die größten Feinde unserer westlichen Freiheiten gelten, wurde sie bedeutend. Und politisierbar. Es scheint so, als brauche es die Figur der jungen, verwundeten muslimischen Frau, damit wir begreifen und uns interessieren, was andernorts passiert.

Was will Malala?

Malala ist in den Besitz der Öffentlichkeit übergegangen, und wenn man liest und hört, was alles über sie geschrieben, gepostet, getwittert und gesungen, ja, auch gesungen wird (es gibt einen Rap-Song über Malala), und was die Leute in ihrem Namen alles behaupten, muss man an „Das Parfum“ von Patrick Süßkind denken. Daran, wie Grenouille am Ende von den Menschen in Stücke gerissen und aufgefressen wird, weil sie glauben, einen Engel vor sich zu haben. Im übertragenen Sinn wird ähnlich mit Malala umgegangen. Sie verkörpert all das, was bei uns als gut und schützenswert gilt. In dem wir uns solidarisch zeigen, befriedigen wir vielleicht unser Bedürfnis, etwas Gutes und Richtiges zu tun.

Sobald Malala wieder genesen ist, will Ziauddin Yousafzai zurück mit ihr nach Pakistan. „Selbst wenn wir alle sterben werden, hören wir nicht auf mit dieser Arbeit“, zitiert ihn der „New York Times“-Reporter Ellick. Ihm zufolge ist Malalas Vater derjenige gewesen, der sie davon überzeugte, in die Politik zu gehen: Nur so könne sie helfen, eine fortschrittliche Gesellschaft zu schaffen. In seinem Film, von 2009, spricht vor allem der Vater. Doch es gibt eine Szene, in der Malala ihre Scheu verliert. Sie redet über dies und das und sagt dann, und man hat das Gefühl, dass es ein Wunsch aus tiefstem Herzen ist, dass sie Ärztin werden möchte. Im selben Augenblick schlägt sie sich die Hand vor den Mund, blickt zu ihrem Vater, der neben ihr sitzt, und fängt an zu weinen. Es ist einer der wenigen Momente, in dem Malalas Vater nicht direkt in die Kamera, sondern in das Gesicht seiner Tochter schaut.

Der Vater will, dass die Tochter eine Politikerin ist. Koste es, was es wolle. Was will Malala?

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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