Home
http://www.faz.net/-gqz-2fw0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Performance Vanessa Beecroft im Saal lässt sich durch keinen Newton an der Wand ersetzen

19.02.2001 ·  Eine spektakuläre Perfomance fand am Wochenende in Wien statt. Die amerikanische Künstlerin Vanessa Beecroft ließ 45 junge Frauen drei Stunden lang splitternackt in einer riesigen Halle stehen.

Von Sabine B. Vogel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mitten auf einer Baustelle warten über dreitausend Besucher stundenlang auf Einlass. Als sie endlich eingelassen werden, bietet sich ihnen ein irritierendes Bild: 45 junge Frauen, langbeinig, splitternackt, nur mit schwarzen, hochgeschlossenen Stiefeln bekleidet, stehen fast bewegungslos in einer riesigen Halle.

Das Ziel der Besucher: die spektakuläre Performance von Vanessa Beecroft, dem 32-jährigen Star aus Amerika, mit dem die Kunsthalle Wien ihren Neubau einweiht. Und es ist zugleich die erste, langerwartete Eröffnung im „Museumsquartier", Wiens neuem Kultur-Areal in Fischer von Erlachs ehemaligen Hofstallungen.

„VB45" lautet der lapidare Titel von Vanessa Beecrofts Performance. Die Zahl steht für die Gesamtmenge ihrer bisherigen Performances, die alle ungefähr nach demselben Schema ablaufen: Die Vernissage ist zugleich die Bühne, auf der eine wechselnde Anzahl von Menschen, meistens Frauen, manchmal nackt, platziert sind.

Die Frauen erhalten genaue Regieanweisungen: kein Wort, kein Lachen, keinen Blickkontakt, auch nicht untereinander, keine abrupten Gesten - kurz: keine Wirklichkeiten. Sie sind vervielfachte Coverfotos und bilden erotische Klischees nach: Schulmädchen, Jungfrauen, Venus der Hinterhöfe oder Stripperinnen.

Mit „VB45“ inszeniert Beecroft eine auf das Militär anspielende Fantasie. Die Frauen tragen militärische Stiefel und stehen wie zur Parade in fünf strengen Reihen. Als kleine Irritation des kompakten Bildes sitzt vorne eine stiefellose Nackte auf dem Boden. Drei Stunden dauert diese Vorführung. Die Besucher treten ein, gruppieren sich wie um einen Boxring enggedrängt im reglementierten Abstand um die Gruppe. Einige setzen sich nieder. Alle warten. Worauf? Nichts passiert. Nichts wird passieren. Die Frauen stehen, werden müde, setzen sich, stehen wieder auf. Das Bild pendelt zwischen militärischer Geschlossenheit und der lockeren Unordnung einer müden Herde.

Beecrofts Performances werden oft als Malerei bezeichnet, die Künstlerin selbst vergleicht ihre Arbeiten aber mit der „minimal art“, mit minimalistischen Skulpturen. Im Gespräch erklärt sie die Stiefel, die übrigens der Star-Designer Helmut Lang entworfen hat, gleichermaßen wie die Frauen als „Material“, aus dem sie ihre Werke formt. Jede Individualität ist gelöscht - ebenso jeder Appell an sexuelle Fantasien.

Anders als in früheren Performances mit tadellosem Make-up und knalligem Lippenstift sind diese Damen merkwürdig gelb: gelb gefärbte, streng nach hinten gekämmte Haare, gelbe Augenbrauen und Wimpern, gelbe Lippen und Körperfarbe. Sie bieten kein Bild einer modellhaften Schönheit, sondern strahlen eine abweisende Kälte aus. Stehend bilden die schwarzen Stiefel das Bild eines mit Lackfolie umwickelten Podestes, auf dem die ziemlich unerotische Fleischmenge als massiver Farbblock thront.

Bei aller Faszination, die von diesem Schauspiel ausgeht - es bleibt ein ambivalentes Gefühl. Dafür sorgt nicht nur die deutliche Materialisierung der Frauen, auch das Thema trägt dazu bei. Beecroft verweist darauf, dass sie bereits zweimal mit der amerikanischen Navy zusammenarbeitete, und so erklärt sie auch den militärischen Look der Stiefel. Reicht das? Zwar geht Beecroft auch in ihren früheren Performances mit erotischen Frauenklischees keineswegs kritisch, sondern auffallend unbelastet um, der Umgang mit militärischer Requisite wirkt allerdings befremdlich affirmativ.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr